Spritze und Zahn ziehen in 40 Sekunden Gesundheit mitten in Europa: Wie man in Holland versucht, mit dem Mangel an Zahnärzten umzugehen - Zu wenig Zulassungen, zu wenig Ärzte Von Claudia Diers-Lienke Den Haag.- Jammern über das deutsche Gesundheitssystem käme den Patienten von Zahnarzt Regi Setjadi im niederländischen Den Haag verrückt vor. Deutschland, davon haben sie gehört und es erscheint ihnen wie ein Paradies: Genügend Zahnärzte und Ärzte für alle. In Holland, dem viel gepriesenen europäischen Musterland der Sozialreformen, muss man nicht nur bei Spitzenärzten um Termine betteln. Es ist auch schwierig, einen ganz normalen Hausarzt zu finden, der überhaupt noch Patienten annimmt. Und einen Zahnarzt aufzuspüren, der einen behandelt, ist auch für Privatpatienten alles andere als einfach. Der Grund: Strenge Zugangsregelungen für Medizin- und Zahnmedizinstudium vor Jahren haben den Markt ausgetrocknet. Es gab zu wenig Zulassungen für Mediziner. Und man wollte das Gesundheitssystem richtig gut reformieren und biklliger machen. Wer krank ist, muss in jedem Fall erst zum Hausarzt. Der kümmert sich dann auch schon um 80 Prozent aller anfallenden Zipperlein. Kinderärzte gibt es keine; sie wurden ersetzt durch Impfbüros und Polikliniken. Frauenärzte sollten größtenteils überflüssig werden durch Hebammen für die Standard-Hausgeburt und durch den Hausarzt. Und Zahnärzte gehören in Niederlande nicht zur Klasse der Sportflieger, sondern eher zu der der Handwerker. Zahnarzt Setjadi im Haager Malerviertel hat kein Wartezimmer, aber einen Flur, in dem sich die Wartenden drängen. Frauen, Männer und Kinder stehen da, mit Schmerzen. Auch der Behandlungsraum ist voll. Während der vorige Patient noch bezahlt und erklärt bekommt, dass Partyspießchen sich nicht als Zahnstocher eignen, nimmt der nächste Patient in einem altmodischen Zahnarztsessel Platz. Die Helferin ist gleichzeitig Sekretärin und macht Termine aus. Ist sie in der Mittagspause, legt auch der Zahnarzt selbst mitten im Geschäft den Bohrer beiseite und beantwortet das Telefon. In eineinhalb Stunden am Nachmittag behandelt Setjadi 15 Patienten. „Sechs Minuten pro Patient. der eine mehr, der andere weniger, ich versuche, allen zu helfen". Morgens hat er schon neun Patienten mit Termin gehabt. Wie am Fließband werden Spritzen gegeben und Zähne gezogen. Ein Flüchtling hat Angst vor den Schmerzen. „Warte, dann mach' ich das später". Setjadi versteht, dass diesem Patienten nicht geholfen ist mit einer Spritze und einem gezogenen Zahn in der Rekordzeit von 40 Sekunden und schickt ihn in den Flur, damit er abwartet, bis die Betäubung wirkt. „Der nächste, bitte!" Der Druck auf dieser Praxis im Ausländerviertel von Den Haag ist widerlich, finden alle Beteiligten. Anstatt der landesweit durchschnittlichen Zahl von 2500 Patienten, hat die Praxis 5000 Patienten. „Wer hier arbeitet", sagt Gesundheitsmanager Gert Brouwer, „muss ein bisschen verrückt sein". Brouwer managt das Gesundheitszentrum, in dem die Zahnarztpraxis untergebracht ist. Auch Frans Meijer, Zahnarzt im wohlhabenden Amsterdam-Süd, hat viel Druck bei der Arbeit, aber was in solchen Praxen wie im Malerviertel geschieht, hält er für unverantwortlich. „Das liegt am Mangel an Zahnärzten, dafür ist der Staat verantwortlich". Um dem abzuhelfen, durchsucht man nun intensiv die Kartei von Asylbewerbern nach Zahnärzten und Ärzten. So auch Gesundheitsmanager Brouwer. Er wurde fündig „Wir haben einen Kenianer, der hier eine Zulassung bekommen könnte." jubelt er. Eine Goldgrube wird die Praxis dennoch nicht werden, auch nicht bei so vielen Patienten: Teure, zeitraubende erhaltende Behandlungen sind nicht drin. Und Notbehandlungen bringen nicht so viel ein. Bis der ersehnte Kenianer in Den Haag seinem Kollegen zur Seite steht, macht Setjadi weiter wie bisher. Illegale Ausländer und Überschuldete, die bei ihm auch Hilfe suchen und keine Krankenversicherung haben, müssten eigentlich selbst bezahlen, haben aber kein Geld. Zahnarzt Setjadi passt sich dem an „Ich mache drei Füllungen und ziehe drei Zähne für den Preis von zweien. Rabatt wie im Supermarkt..." ---------------------------- zahnarzt.doc www.newsmill.net, 4.11.01