Die graue Schöne Rotterdam ist Kulturhauptstadt Europas 2001: Ozeanriesen, Architekturtempel und goldener Gouda Von Claudia Diers-Lienke Rotterdam ist scheußlich. Denkt man. Dieser Europoort, der größte Hafen der Welt, die Schwerindustrie, dieser viele Beton, diese Autobahnkreisel, die sich wie Würgeschlangen um die City ziehen. Diese vielen Lastkraftwagen, die ständigen Staus, kein Charme, nur Grau. Keine Windmühle, keine Frau Antje, keine Grachten. Und dann kommt man hin und ist - überrascht. Am Abend, am Pier, irgendwo gegenüber einer Raffinerie im Restaurant: gestickte Seesterne auf den Servietten, erlesener Lachs mit Limonensauce, hübsches Dekor aus Granit, Glas und Muscheln im Raum mit den großen Fenstern zum Wasser. Und dann sieht man sie vorbeiziehen. Geräuschlos schweben die großen Containerschiffe hoch wie Wolkenkratzer über die Maas. Dunkelgrau der Himmel, schwarz das Wasser. Nur die Lichter der Ozeanriesen leuchten rot und gelb und dahinter verschaffen die Warnleuchten und Blinker der Petrochemie Respekt. Plötzlich möchte man Industriekrimis schreiben. Oder Schrott-Kunst entwerfen. Schräge Events in den Docks organisieren. Morgens um vier mit den Hafenarbeitern eine heiße Wurst essen. Im Club "Blauwe Vis" in einem ehemaligen U-Bahn-Schacht tanzen. Oder einfach nur gucken und träumen und überlegen, was die dicken Frachter wohl geladen haben. "Das hat was" lacht die Holländerin Marion, schaut aus dem Fenster aufs Wasser und prostet mit Chardonnay zu. "Alles hier ist von Menschen gemacht". Faszinierend, würde Spock sagen. Doch der ist nicht hier und wir sitzen nicht im Raumschiff Enterprise und sind auch nicht auf einem fremden Planeten gelandet. Obwohl man das glatt glauben könnte. Städte wie diese ziehen Genies und Freaks ebenso an wie das Geld der New Economy. Solche unterschätzten Aschenputtel haben Zukunft. Es fängt schon an, wenn man vom deutschen Südwesten mit dem Auto kommt, Venlo, Tilburg, Breda, schließlich die letzte Brücke über die Maas. Man erwartet nichts. Man ist umgeben von grünem Polderland. Und dann, nach dieser Brücke, ist sie mit Händen greifbar, die unglaubliche Energie einer Metropole. So sieht das auch die Europäische Kommission, die Rotterdam 2001 neben Porto zur Europäischen Kulturhaupstadt gekürt hat. Natürlich soll das der grauen Schwester des pittoresken Amsterdam auch helfen, endlich zu zeigen, was in ihr steckt. Rotterdam legt sich mächtig ins Zeug: Über 300 Veranstaltungen stehen auf dem Programm unter dem Motto "Rotterdam ist viele Städte". Und längst nicht alle setzen darauf, dass der Besucher empfänglich ist für die Faszination des Nieuwe Waterweg mit seinen bunten Container-Schiffriesen. Denn Rotterdam ist vor allem eine Stadt für Architektur-Freaks. Was heute so viele Interessierte anzieht, hat einen traurigen Hintergrund: Rotterdam war nach dem schweren deutschen Bombardement 1940 als "Stadt ohne Herz" bekannt geworden. Fast die gesamte Innenstadt war zerstört. Nach dem Krieg bot das auch eine Chance für neue Baukonzepte. Einige davon sind weltberühmt. Etwa die Kubus- Häuser am Oude Haven, wo die Wohnungen wie Würfel, die auf einer Spitze gekippt sind, auf Stelzen stehen. Oder etwas so eigentlich Profanes wie die Stadtbücherei, die mit Hängepflanzen über vier Stockwerke und gigantischen dottergelben Lüftungsrohren außen eher aussieht wie ein Öko-Raumschiff. Für einen Überblick bietet sich das niederländische Architektur Institut "NAI" an, das weltweit größte Architekturmuseum. Mit der 1917 gegründeten Künstlergruppe "de Stijl", dem Bauhausvorläufer um Piet Mondrian und Stadtbaumeister J.J. P. Oud fing es an. Und noch immer ist Platz für innovative Architektur. Südlich der eleganten weißen Erasmusbrücke von 1996 entsteht "Manhattan an der Maas" gleich neben dem Art-noveau Hotel New York. Mit dabei in der letzten Bauphase ist Norman Foster, der Stararchitekt, der in Deutschland mit der Berliner Reichstagskuppel populär wurde. Von links wabert der Duft von surinamesischem Curry und türkischem Kebab über den Wochenmarkt. Gleich rechts blubbert heißes Fett für niederländische Pommes und Kroketten. Mitten in der City preisen Holländer Teppiche an und verkaufen Marokkaner Holland-Tomaten mit und ohne Geschmack. Der niederländischen Wirtschaft geht es ordentlich, das zieht viele an. 150 verschiedene Nationalitäten leben in Rotterdam zusammen. Keiner fragt, woher man kommt. Jeder spricht ein paar Brocken der gängigen Weltsprachen. Multi-Kulti und niederländische Toleranz vertragen sich gut. "Du darfst in Holland alles ein", sagt ein Freund, "verrückt, schwul, was auch immer, nur eines nicht: arrogant". In Rotterdam wurden die Hemden immer schon mit hoch gekrempelten Ärmeln verkauft, sagt man. Eine Stadt für Schaffer. Hierher kamen die Leute schon immer wegen des Geldes, auch lange noch nach dem 17. Jahrhundert, das man das goldene Zeitalter nennt, weil die Niederlande damals dank ihrer Kolonien zur großen Handels- und Seemacht aufstiegen. Dass man an einem Stand auf dem Markt natürlich auch so einen schönen, dicken, goldgelben Laib mittelalten Gouda kaufen kann, passt dann wieder nicht so recht ins Bild. Oder gerade doch. Hier ist man vor Überraschungen eben nie sicher. -------------------------------------------------------------------------------- ------------- doc 5/2001 rotterdam2001 ++ Achtung: Info-Kasten mit Veranstaltungstipps in gesonderter Datei rotterdamtipps.doc (Für Rückfragen der Redaktion: Claudia Diers-Lienke, NewsMill, Lariksdreef 4, 3137 PK Vlaardingen, Nederland, Tel von D: 00 31 10 475 37 51, Fax: 00 31 10 475 37 52, E-mail: claudia@lienke.net)