Und futsch ist die Berufskleidung Was Holländische Beamte seit der Legalisierung der Prostitution so alles erfanden - Rente im Rotlichtmilieu ist schon Realität Von Claudia Diers-Lienke Amsterdam/Den Haag. Sie heißt Donatella oder zumindest nennt sie sich so. Sie wackelt hinter diesem schmuddeligen Fenster gegenüber der Oude Kerk in Amsterdam täglich mit allem, was die rosa Brüsseler Spitzen nur knapp verbergen. Im Pass steht, sie sei Britin. Vielleicht ist der Ausweis ebenso falsch wie ihr Dauerlächeln und ihr Hintergrund so traurig wie der der Junkies, die in der Nähe herumlungern. Aber sie verdient pro Stunde 200 Gulden, Sonderwünsche extra. Und das mit Segen des Staates. Was in Deutschland so heiß diskutiert wird - die Rente im Rotlichtmilieu - , ist in den Niederlanden seit Oktober 2000 Wirklichkeit: Nach 15 Jahren Debatte beschloss das Parlament in Den Haag etwas typisch Holländisches. Da man die Prostitution nicht verhindern könne, wolle man sie freigeben und gleichzeitig kontrollieren. Dachte man. Prostitution, so stellten die pragmatischen Holländer fest, sei so alt wie die Menschheit und in den Niederlanden weit verbreitet, mit 50 000 Huren auf 15 Millionen Einwohner. Jetzt müssen Bordelle eine Lizenz beantragen und werden überwacht. Huren als Selbständige oder Bordellbesitzer als Arbeitgeber zahlen weiterhin Steuern, können nun aber auch Rentenversicherung, Krankenversicherung und Arbeitslosenversicherung abschließen und Beiträge zahlen. "Prostituierte" ist als Gewerbe anerkannt. Wie sieht man das jetzt, mit sieben Monaten Erfahrung? Jan Visser, Soziologe und Leiter der Amsterdamer Hurengewerkschaft "Rode Draad", beobachtet scheinbare Folgsamkeit bei Huren und Bordellbesitzern. Immerhin 70 Bordelle haben eine Lizenz beantragt. "Sie wollen sich lieb Kind machen bei den Behörden nach dem Motto, dass man ja nie wisse, was komme", vermutet Visser. Zweite Konzequenz: Rund 25 000 Huren, etwa die Hälfte, sind erst einmal "abgetaucht", oder abgereist, weil sie keinen EU-Pass besitzen oder so schnell keinen besorgen konnten. Künftig werden, das ist Teil des Gesetzes, in den Niederlanden nur noch Europäerinnen eine Arbeitserlaubnis als Nutte bekommen. Denn Mädchenhändlern soll gleichzeitig das Handwerk gelegt werden: Parallel zur Lockerung der legalen Prositution sollen illegale Prostitution und Menschenhandel stärker verfolgt und härter bestraft werden. "Stimmt, es gibt deutlich mehr Kontrollen", weiß Visser. Und die legale Hure? Schreibt sie nun beim Gang zur Behörde als Berufsbezeichnung ehrlich "Prostituierte" ins Formular? Das passiert auch in den progressiven Niederlanden noch selten, weiß Visser. Noch versichern sich die Damen lieber als "Hausangestellte" - wenn überhaupt. Toleranz hin oder her, das soziale Stigma der Prostitution bleibt, das hat der Sozialwissenschaftler festgestellt. Visser nennen manche den "Nuttenkönig" , obwohl er weder Zuhälter, Prostituierter oder Freier ist. Der Mittvierziger wurde bekannt durch Studien, die er für die Niederländische Regierung erstellte. "Die größte Crux ist: Das Parlament beschloss zwar mehr Rechte für Nutten, lieferte aber die Ausführungsbestimmungen nicht gleich mit", so Visser. Ergo waren die Behörden gefragt. Die reagieren sehr unterschiedlich. Die niederländische "gak", die die Sozialversicherung regelt, erstellte im Nu eine Info-Broschüre für Prostituierte, garnierte sie mit Cartoons und druckte Kondome aufs Titelbild: "Arbeiten mit Schutz" - im doppelten Sinn. Anders die Finanzämter. Visser: "Die erklären sich für nicht sachkundig und tun gar nichts. Und die Gesundheitsbehörde erfand tausende kleinkarierte Vorschriften, um diese gefährliche Sache zu regeln." Zum Beispiel, dass Nutten ihre Fingernägel immer sehr kurz schneiden müssen und dass sie ihre Unterwäsche bei 90 Grad waschen sollen. Seidenwäsche schrumpft bei dieser Temperatur zu Klumpen zusammen. Futsch ist die Berufskleidung. Was also ist die Lösung? Holland geht den richtigen Weg, davon ist Visser überzeugt, "und die CDU in Deutschland liegt falsch wenn sie sagt, Holland sei gescheitert". Das Experiment laufe ja gerade mal ein dreiviertel Jahr. Hollands Regierung hat zwei Jahre angesetzt, bevor sie Bilanz ziehen will. Bis dahin hofft Donatella, oder wie auch immer sie heißt, dass die Polizei oder der Finanzinspektor lieber auf ihre Wäsche als in ihren Pass schaut. Aber, na ja, der Beamte gestern sagte ja auch schon, irgendwie sähen sie ja auf den Fotos alle gleich aus, die afrikanischen Damen. 27.05.01, copyright:newsmill ----------------------------- Nachfragen der Redaktion bitte an: Claudia Diers-Lienke, NewsMill, Lariksdreef 4, 3137 PK Vlaardingen, Niederlande, Tel von D: 00 31 - 10 - 475 37 51, E-mail: claudia@lienke.net