Ein Chaos auf Eisenbahnschienen Hollands Bahn ist eine Zumutung: Ministerin feuert Bahn-Chef - Unpünktlich, verdreckt und überfüllt- Noch nicht einmal 80 Prozent der Züge fahren pünktlich Von Claudia Diers-Lienke Den Haag.- Wenn Deutsche über ihre Bahn AG jammern, empfiehlt sich ein Blick ins kleine, sonst so perfekt organisierte Nachbarland. Das Chaos auf Schienen hat in den Niederlanden Methode. 80 Prozent waren ausgemacht. Acht von zehn Zügen sollten pünktlich fahren in Holland, dann wäre alles gut gewesen, man ist ja bescheiden. Doch es waren nur 79,9 Prozent in 2001. Die Folge: Verkehrsministerin Tine Netelenbos feuerte die Direktion der teilprivatisierten Holländischen Bahn NS. Da bleiben Züge im Hauptbahnhof von den Haag einfach stehen, weil der Lokführer fehlt. Da stoppen Bahnen mit schöner Regelmäßigkeit auf offener Strecke und verkünden unverständliche Lautsprecherdurchsagen „Verspätung". Da sind die Züge, die überhaupt fahren, völlig überfüllt und muss man meistens stehen. Anschlüsse funktionieren häufig nicht. Dass sie Toiletten verdreckt und und es von Taschendieben wimmelt, fällt da kaum noch auf. Die wenigsten Fahrgäste tröstet es, dass man den Fahrpreis zurück erstattet bekommen kann, wenn man wegen einer Verspätung Unannehmlichkeiten hatte. Immerhin: Schwarzfahren ist relativ einfach; es gibt nämlich nicht genug Zugpersonal, das die Karten überhaupt kontrollieren könnte. Aber im Zug ist dann auch niemand, der einem weiterhilft, wenn man wegen Verspätungen strandet. Seit drei Jahren geht das nun schon so bei der seit sieben Jahren teilprivatisierten Bahn. Jedes Jahr pumpt Den Haag rund 23 Millionen Euro in die Bahn, damit es besser wird. Bisher ohne Erfolg. Daher stellte Ministerin Netelenbos 2001 die ultimative Forderung, dass wenigstens 80 Prozent der Züge pünktlich fahren. Als die NS-Direktion verschämt 79,9 Prozent berechnete, war der Ofen aus. Jetzt soll ein ehemaliger Top-Manager vom Flughafen Amsterdam-Schiphol den Karren aus dem Dreck ziehen. Doch die Bahn ist behäbig. Der gefeuerte Bahn-Chef Jan Huisinga sagte, es sei einfach zu schwierig gewesen. Gängige Entschuldigungen: mal liegt es am schlampigen Personal, dann an Eiseskälte oder Sommerhitze, Herbstlaub auf den Schienen oder an Selbstmördern auf der Strecke. Angeblich lässt das Bahnpersonal die Züge mit Absicht unpünktlich fahren, um bessere Arbeitsbedingungen zu erpressen. Schon werden Forderungen laut, die teilprivatisierte Bahn wieder zu verstaatlichen, denn die angebliche Überlegenheit privatisierter Unternehmen sei ein Fehlglaube gewesen. So argumentiert die Wirtschaftspartei VVD. Und geschehen muss etwas. Denn zum ersten mal wurden fünf Prozent weniger Netz- und Jahreskarten verkauft als zuvor. Die Fahrgäste die müssen bis auf weiteres ihre antrainierten Überlebensstrategien weiter ausüben. Denn mit dem Auto fahren ist in der dicht besiedelten „Randstadt" zwischen Amsterdam, Rotterdam und Utrecht keine echte Alternative wegen Dauerstaus. Das heißt: Man nimmt grundsätzlich zwei Züge früher als es eigentlich müsste und plant niemals, mit dem letzten Zug zurückfahren zu wollen. Richtig verlassen kann man sich bei „Nederlands Spoorwegen" eigentlich nur auf eins: Bordservice findet meistens nicht statt. Also packt jeder Holländer, auch der Geschäftsmann in der ersten Klasse, Milch und Butterbrote ein. ----------------------- ns-spoorwegen www.newsmill.net Januar 2002