copyright: NewsMill 2001 "Niemand steht über dem Gesetz" Die Frau, die Milosevic endlich anklagen will: Carla de Ponte, Chefin am Kriegsverbrechertribunal ist "zufrieden" - Aber kein Siegergefühl Von Claudia Diers-Lienke Den Haag . - "Politik interessiert mich nicht", sagt Carla del Ponte (54) immer, "das einzige, was ich will, ist Gerechtigkeit". Jahrelang hatte die Schweizer Chefanklägerin des Jugoslawien-Tribunals der Vereinten Nationen alle Hebel in Gang gesetzt, um Slobodan Milosevic endlich vor Gericht stellen zu können. Jetzt hat sie es geschafft. Am Dienstag wird Milosevic um 10 Uhr zum ersten Mal in einem Gerichtssaal vor dem Tribunal erscheinen müssen, wo er mit der Anlage vertraut gemacht wird. Er wird sich dann vermutlich "nicht schuldig" bekennen und eine monatelange Prozessvorbereitung beginnt. Frau del Ponte, jetzt ist Milosevic endlich an das Tribunal ausgeliefert. Dafür haben sie jahrelang gekämpft - wie fühlen Sie sich jetzt? del Ponte: Die Ankunft von Slobodan Milosevic markiert einen bedeutenden Tag für die internationale Justiz. Er ist hier. Und das stimmt mich sehr zufrieden. Aber als Sieger fühlen wir uns nicht. Ich will auch ausdrücklich sagen: Hier sitzt nicht Serbien auf der Anklagebank, sondern Slobodan Milosevic. Natürlich bin ich glücklich, aber am Wichtigsten ist doch: Das Recht sieht. Niemand steht über dem Gesetz. Niemand ist außer Reichweite der internationalen Gerichtsbarkeit. Bei der Verhaftung und Überstellung Milosevics - gab es irgendwelche Probleme oder Gegenwehr? del Ponte: Ich selbst war in der Nacht nicht dabei, als er gebracht wurde. Ich wurde davon unterrichtet, dass es eine ganz ruhige Sache war. Ohne Probleme. Milosevic hat eine Vorgeschichte von Depressionen in der Familie und gilt als möglicherweise gefährdet. Wie wird das berücksichtigt? del Ponte: Er hat eine Einzelzelle und wird genau überwacht. Wir ermöglichen im Moment keinen Kontakt zu Mitgefangenen, die ja auch Zeugen sein können. Wir behalten ihn sehr genau im Auge. In zehn Tagen bewerten wir die Situation erneut und entscheiden dann, wie es weitergeht. In Serbien gibt es jetzt große politische Spannungen ... . del Ponte: Ich kann dazu nur sagen: die Entscheidung, Milosevic an Den Haag auszuliefern, war die richtige und steht in völliger Übereinkunft mit dem internationalen Recht, das für alle Mitgliedsstaaten der Vereinten Nationen gilt. In diesem Zusammenhang möchte ich auch den USA danken, insbesondere Außenminister Colin Powell, Kanzler Schröder in Deutschland und Präsident Chirac in Frankreich. Sie halfen uns enorm, auch durch die Geberkonferenz. Bislang steht in der Anklageschrift nichts vom Vorwurf des Völkermordes, es geht offiziell um Mitschuld an Massakern und um Massenvertreibung im Kosovokrieg. del Ponte: Richtig, Völkermord steht noch nicht in der Anklageschrift, die ja bereits 1999 verfasst wurde. Aber wir werden diese Schrift, die von Verbrechen im Kosovo handelt, um weitere Punkte in Bosnien und Kroatien erweitern. Warum geschieht diese Erweiterung erst jetzt? del Ponte: Ja, das erscheint ein bisschen spät. Aber der Zugang zu serbischen Quellen und Beweisstücken ist erst seit dem demokratischen Umsturz in Serbien im Oktober 2000 wesentlich besser geworden. Davon können wir erst jetzt profitieren. Zuvor hatten wir, das Tribunal, dort kaum Zugang. Werden Ihre Beweise für eine Verurteilung Milosevic' ausreichen? del Ponte: Davon bin ich fest überzeugt. Ich kann jetzt noch nicht viel sagen, aber wenn wir diese Beweise vorlegen, dann gibt es keine Fragen mehr. Werden der Auslieferung von Milosevic noch weitere folgen? del Ponte: Ich bin zuversichtlich, dass die internationale Gemeinschaft das nun mit noch mehr Energie verfolgen wird. Die Tatsache, dass Radovan Karadzic und Ratko Mladic noch nicht an das Tribunal überstellt wurden, obwohl sie seit sechs Jahren auf der Fahndungsliste stehen, ist ein Skandal. ----------------------------------- milosevic-carla-interview-01.06.01, copyright:NewsMill ------------------------------------- Kontakt für die Redaktion: Claudia Diers-Lienke, Vlaardingen/Niederlande, Telefon von D: 00 31 - 10 - 475 37 51, E-mail: claudia@lienke.net