Trotz, Wut und Tiraden Das UNO-Kriegsverbrechertribunal stellt Milosevic einen Rechtsbeistand zur Seite - Es soll bald endlich „zur Sache" gehen - Angeklagter spricht von „Diskriminierung" Von Claudia Diers-Lienke Den Haag. - Jeder hat so seine Probleme. Carla del Ponte, Chefanklägerin am Kriegsverbrechertribunal der UNO in den Haag, arbeitet noch immer fieberhaft an der Erweiterung der Anklageschrift gegen Slobodan Milosevic. Richter Richard May hat Mühe, dem Angeklagten klar zu machen, dass er endlich einen Rechtsbeistand akzeptieren sollte, damit das Tribunal einen geordneten Gang nehmen kann. Und Milosevic selbst kann das Jugoslawien-Tribunal noch immer nicht davon überzeugen dass es „illegal" sei und er ja nur sein Land vor „NATO-Aggression" geschützt habe. Damit steht das Verfahren Nummer IT-99-37-PT am UNO-Tribunal noch fast dort, wo er vor zwei Monaten nach der spektakulären Auslieferung Milosevics aus Belgrad nach Holland begann. Milosevic trägt bei der zweiten Anhörung gestern dieselbe gestreifte Krawatte und den denselben Trotz zur Schau. Del Ponte hat wieder große goldene Ohrclips an und verbirgt mühsam, aber erfolgreich ihre Wut über Milosevic. Und Richter May schaltet dem ehemaligen Serbenführer am Ende das Mikrofon ab, weil die politischen Tiraden des ehemaligen serbischen Präsidenten nicht hierher gehören. „Zur Sache" soll es gehen, endlich. Angeblich möchte auch der 60jährige Angeklagte das schrecklich gerne. Wortreich klagt er darüber, dass man hier doch „zivilisiert" miteinander umgehen solle, statt Mikrofone abzustellen. Als Balkanstratege gescheitert, versucht er nun, es mit der internationalen Justiz aufzunehmen. Fünf Stunden diskutierten seine Anwälte am Mittwoch, dem Tag vor der zweiten Anhörung. Doch offiziell will sich Milosevic noch immer von niemandem vertreten lassen vor dem Tribunal. Doch wenn der Angeklagte nicht kooperiert, sondern politische Reden schwingt und das Verfahren immer nur weiter vertagt werden muss, wird es nie zu einem Prozess kommen. Ergo wird das Gericht Milosevic nun einen Beistand zur Seite stellen (amicus curae), der dem Angeklagten vorab das Verfahren erläutert, Dokumente entfängt und weitergibt, in Kreuzverhöre mit Zeugen gehen kann und alles in allem dafür sorgt, dass der Prozess nach fairen Regeln ablaufen kann. Milosevic, der selbst in Belgrad einst Jura studierte, schweigt dazu. Es scheint ihn nicht zu interessieren. Er hat anderes auf dem Herzen. Milosevic hatte Geburttag letzten Montag; es kam Besuch. „Und sogar die Gespräche mit meinem zweieinhalb Jahre alten Enkel wurden im Gefängnis auf Band aufgenommen", klagt Häftling Nummer 39. Er sei „völlig isoliert", könne nicht unbeobachtet mit Familie oder „Experten" sprechen. Das sei „Diskriminierung". Richter Mays Kommentar dazu: „Nehmen sie sich einen Anwalt, dann lässt sich das alles leichter regeln". Auch auf Seite der Ankläger ist einiges geschehen: Die Ermittler haben neues Material gefunden im ehemaligen Jugoslawien, so Carla del Ponte. Dieses solle in eine erweiterte Anklageschrift einfließen. Die Ur-Fassung der Anklage wegen Kriegsverbrechen im Kosovo gegen Milosevic liegt schon seit zwei Jahren vor. Sie soll aktualisiert werden. Zudem arbeitet del Ponte an einer weiteren Anklageschrift wegen Verbrechen in Bosnien und Kroatien. „Wann ist das fertig?" fragt der Brite May, Ungeduld schwingt in der Frage mit. Del Ponte ist sichtlich unter Druck, kaut auf einen Fingernagel: „Wir denken, bis Oktober, wir arbeiten hart daran". Dann, so hofft die temperamentvolle Schweizerin, wird Milosevic die Anklageschrift endlich zur Kenntnis nehmen müssen, wenn sie öffentlich vorgelesen wird. Bisher hat er sich geweigert, die Akte auch nur anzufassen. Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit werden Milosevic vorgeworfen. Nach Stand der Dinge wird der Prozess gegen ihn nicht vor Februar 2002 in Den Haag beginnen. Carla del Ponte freut sich darauf: „Ich denke, wenn ich ihn sehe: wenn der Prozess endlich begonnen werden kann, werden wir Milosevic auch verurteilen". Eine wichtige Rolle dabei spielt Biljana Plavsic, die ehemalige Bosno-serbische Präsidentin. Sie wurde gestern vorerst aus dem UNO-Gefängnis freigelassen und darf in Serbien auf ihren Prozess warten. Plavsic, die ein Gespann bildete mit Radovan Karadzic und Ratko Mladic, gilt als Kronzeugin im Prozess gegen Milosevic und soll im Gegenzug Freigang bekommen haben. Milosevic selbst hat bis 29. Oktober Zeit, um in seiner Zelle im Seebad Scheveningen über die nächsten Schritte nachzudenken; dann ist die nächste Anhörung angesetzt. Morgen (Freitag) wird sich das Regionalgericht in Den Haag mit seinem Antrag auf sofortige Freilassung wegen der „Illegalität" des Tribunals befassen. Der Antrag gilt als aussichtslos. Eines darf Slobodan Milosevic jedenfalls nicht mehr: heimlich Presseinterviews geben. Das gilt für alle 39 Gefangenen in der Haft des Kriegsverbrechertribunals. Am Telefon hatte er letzte Woche dem US-Sender Fox News erzählt, es sei immer „traurig", wenn jemand sterbe, aber das Tribunal habe keine Beweise gegen ihn sondern konstruiere sie. Seine Truppen hätten nur den Auftrag gehabt, „Terroristen" zu töten. Tribunal-Sprecher Jim Landale dazu: Wenn Milosevic noch einmal gegen die Regeln verstoße und mit der Presse telefoniere, müsse man ihm seine Telefonkarte, die für Familiengespräche gedacht sei, „leider völlig entziehen". -------------------------------------- milosevic-2.anhoerung-30.08.02 claudia@lienke.net Besuchen Sie auch unsere website: www.newsmill.net