„Zeugen ernsthaft bedroht" Wer gegen Milosevic aussagt, braucht Mut - Verraten ihn seine früheren Vertrauten? - Angeklagter selbst möchte Clinton und Blair aufrufen Von Claudia Diers-Lienke Den Haag.- 300 Zeugen will die Anklage des Jugoslawien-Tribunals in den Haag im Prozess gegen den ehemaligen serbischen Präsidenten Slobodan Milosevic benennen. Darunter sollen sowohl Opfer als auch frühere Gesinnungsgenossen sein. Chefanklägerin Carla del Ponte: „Viele Zeugen werden ernsthaft bedroht, manche sogar mit dem Tod". Doch die Zeugen sind wichtig. Sie sollen ein Bild liefern von zehn Jahren Gewalt und Leid im ehemaligen Jugoslawien. Ohne diese Zeugen gibt es den Fall nicht, denn nur wenig ist schriftlich dokumentiert. Auch daher sind die rund 20 wichtigsten Zeugen, die Del Ponte als „insider" beschreibt, von entscheidender Bedeutung. Wer das ist, das behält sie noch für sich. In jugoslawischen Medien zirkulieren allerdings Listen mit Zeugen-Namen, von denen niemand weiß, ob sie zutreffen. An der Spitze steht Zoran Lilic, von 1993 bis 1997 Staatspräsident Jugoslawiens. Milosevic stellte ihn damals kalt, weil Lilic mit seiner Kosovo- Politik nicht einverstanden war. Auch der Name Vladimir Djordjevic fällt. Der Polizeigeneral soll die Leichen getöteter Kosovo-Albaner beseitigt haben. Bei diesem Spezialeinsatz soll Milosevic persönlich den Einsatzbefehl gegeben haben. Rade Markovic, früherer Chef der Geheimpolizei, steht ebenfalls auf der Liste. Er sitzt in einem Belgrader Gefängnis, weil er Polizeiunterlagen vernichtet hat. Die ehemalige bosno-serbische Präsidentin Biljana Plavsic, einst eine glühende Milosevic- Verehrerin, soll sich inzwischen von ihm abgewandt haben und könnte auch interessante Details liefern. Sie soll ebenfalls noch in Den Haag angeklagt werden, befindet sich aber gegen Kaution auf freiem Fuß. Für Zeugen, die Angst vor einer Aussage haben, kennt das Tribunal besondere Möglichkeiten: Wer um sein Leben fürchtet, kann in einem anderen Land untergebracht werden. Darüber gibt es Verträge mit „etlichen Ländern", wie es heißt. Auf diese Weise wurden bereits 56 Menschen in Sicherheit gebracht. „Sie können nie mehr zurück in ihre Heimat, noch nicht mal für ein Begräbnis", sagt Danielle Cailloux vom Sicherheitsdienst des Tribunals. Im äußersten Fall kann ein Zeuge sogar eine neue Identität bekommen. Allerdings ist das nicht so häufig nötig. Die meisten Zeugen sagen mit verzerrter Stimme ohne Namensnennung und hinter einem Wandschirm aus, „das genügt meist", so Cailloux. Bei bisherigen Prozessen am Tribunalt erschienen 56 Prozent der Zeugen ohne besonderen Schutz ihrer Identität im Gerichtssaal. Cailloux: „ Das finde ich sehr mutig. Aber es sind ohnehin schon sehr starke Menschen, die hier erscheinen." Oft wollten die Menschen endlich reden über das, was geschehen ist und verlangten Gerechtigkeit. Milosevic selbst hat angekündigt, er wolle bis zu 1380 Zeugen präsentieren. Darunter befänden sich auch solche Namen wie der frühere US-Präsident Bill Clinton und der britische Premier Tony Blair. Was sie exakt zu seiner Entlastung beitragen könnten, ist allerdings unklar. -------------------------- milosevic-12.2.02.-zeugen www.newsmill.net Claudia Diers-Lienke, Niederlande Tel 00 31 10 475 37 51