Milosevic und sein böser Traum Den Haag: Der Angeklagte redet von „Krieg" und „Frieden" und begreift endlich , worum es geht -Für Völkermord erwartet ihn mehrfach lebenslänglich - Genscher und Hitler Von Claudia Diers-Lienke Den Haag. - „Diese Anklage ist völlig absurd!" Der grauhaarige Mann im blauen Anzug beugt sich weit vor, als wolle er aufstehen; die Wachen links und rechts springen auf, wer weiß, was er vorhat. Dann setzt er sich doch wieder hin, rot vor Wut. Nervosität schwingt im Raum. „Man sollte mir einen Preis für Frieden verleihen anstatt mich wegen Krieges anzuklagen", sagt Slobodan Milosevic bei der vierten Anhörung am Kriegsverbrechertribunal der Vereinten Nationen im niederländischen Den Haag.. Seit April ist er in Haft, nun liest man ihm die Anklage wegen Völkermordes in Bosnien vor. Völkermord ist das schwerste aller Kriegsverbrechen. Eine Stunde und 15 Minuten lang muss der ehemalige serbische Präsident zuhören. Es geht um 250 000 Menschen, die vertrieben wurden, es geht um 7000 ermordete Moslems alleine in Srebrenica und viele weitere in anderen Orten. Unglaubliche Zahlen. Doch hinter ihnen stecken Namen: So wie der der drei Jahre alten Anisa Pita, die am 14. Dezember 1992 von der Kugel eines serbischen Heckenschützen getroffen wurde, als sie sich die Schuhe vor dem Haus ihrer Eltern in Sarajevo auszog. Nur ein Beispiel von sehr vielen. Der Angeklagte schaut unverwandt vor sich hin. Er weigert sich, sich „schuldig" oder „nicht schuldig" zu bekennen - was automatisch als Antrag auf „nicht schuldig" gewertet wird. Und doch hat sich etwas verändert im Vergleich zu bisherigen Verhandlungstagen: Zum ersten Mal nimmt Milosevic Worte wie „Krieg" und „Frieden" in den Mund. Er erkennt, worum es geht, benutzt die Worte, wenn auch in seiner eigenen Ideologie. Er scheint aufgewacht aus einem bösen Traum und erkennt, dass er sich erklären muss. Brcko, Srebrenica, Sarajevo, die Städtenamen, die mit so vielen Opfern verbunden sind, prallen über eine Stunde lang an seine Ohren. Milosevic studiert intensiv den Faltenwurf des beigen Vorhangs im Gerichtssaal in den Haag. „Er sieht müde aus", wispert ein serbischer Journalist. Ein Viertel der anwesenden Pressevertreter kommt aus dem ehemaligen Jugoslawien. „Das muss sein, wir müssen das aufarbeiten. Es ist so viel kaputt bei uns, und in uns selbst", so eine Radioreporterin. Chefanklägerin Carla del Ponte sieht einen klaren Roten Faden zwischen den Gräueltaten in Kroatien, Bosnien und Kosovo: den „Großserbischen Wahn" und beantragt vergeblich, alle drei Verfahren zusammenzulegen. Und was sagt Milosevic zu „Großserbien"? Die Serben hätten immer nur den Frieden gewollt, so der Angeklagte. Und was im Kosovo passiert ist, das war kein Krieg, sagt der 60jährige. Das sei nur der Versuch gewesen, sein Land gegen Terroristen zu verteidigen, die, „angestachelt von Clinton und Co., den Frieden zerstören wollten". Die Welt des Slobodan M. ist voller solcher eigenwilliger Erklärungsmuster. Auch Genscher, der deutsche Ex-Außenminister hat darin seinen Platz. Warum Deutschland zu Genschers Zeiten Bosnien als unabhängigen Staat am 6.4. 1992 anerkannt habe? Weil Genscher damit den Jahrestag der Nazi-Besetzung von Belgrad habe feiern wollen, sagt Milosevic. Serbien sei ein wunderbarer multikultureller Staat gewesen, erst die Einflussname von außen habe ihn zerstört. Die Serben hätten unendlich gelitten und immer nur Gutes gewollt. und dass er, Milosevic, jetzt hinter Gittern sitzt, das kann er sich nur damit erklären, dass UNO und NATO „wütend" seien, dass sie den „Krieg gegen Serbien" nicht gewonnen hätten.. Wie hoch wird die Strafe für Milosevic ausfallen? Mehrfach lebenslänglich wird erwartet. Selbst wenn man ihm nicht nachweisen kann, dass er persönlich irgend jemanden erschossen hat, so erlaubt es das Statut des Tribunals, ehemalige Staatschefs für Taten zur Verantwortung zu ziehen, die unter ihrem Kommando begangen wurden. Diese „command responsibility", unter anderem als oberster Kommandeur der serbischen Armee, gilt als sicher nachgewiesen. Milosevic zieht es vor, seine eigene Weltsicht beizubehalten, und doch, von einem lästigen Punkt ist er fast gänzlich abgewichen: Er nimmt inzwischen, beim vierten Hearing, Stellung zur Sache und wettert nicht mehr nur ausschließlich gegen das Tribunal und dessen „Illegitimität". Und das ist schon ein gewaltiger Fortschritt. Im Februar 2002 wird am Kriegsverbrechertribunal der erste Prozessteil wegen Verbrechen im Kosovo beginnen. Später soll ein gemeinsamer Prozess wegen Bosnien und Kroatien starten. Mindestens drei Jahre werden die Prozesse insgesamt dauern, über 300 Zeugen will man laden, davon rund 20 hochkarätige Insider. -------------------- milosevic-11.12.01