Reportage vom Hochzeitstag: „Der Kuss, der Kuss, wo bleibt der Kuss?" Königliche schmusen anders - Der Tag der Orange-Hochzeit in Amsterdam - Von Tango, Tränen und einem kleinen Farbbeutelchen Von Claudia Diers-Lienke Amsterdam.- „Der Kuss, der Kuss, wo bleibt der Kuss?" ruft Friso, ein Student aus Delft, in die Menge. Gerade haben sich Kronprinz Willem-Alexander und Maxima das standesamtliche Ja-Wort gegeben. Sie haben sich tief in die Augen geschaut, strahlend verliebt und jeder, jeder konnte sehen: Maxima hätte ihren Alex gerne geküsst. Hat sie aber nicht. Ein Riesen-Bildschirm überträgt das Geschehen für's Volk mitten auf den „Dam", Amsterdams zentralen Platz.„Dürfen die nicht küssen?" erkundigt sich Friso bei den Umstehenden. Keiner weiß es. Alle brennen darauf, dass „es" noch passieren wird. Tango Argentino spielt das Glockenspiel vom Turm des Königlichen Palais statt des üblichen Gebimmels. Auch die Leierkastenmänner der Stadt stellen um auf südamerikanische Melodien. 50 Millionen Menschen weltweit verfolgen das Geschehen im Fernsehen. Rund 100 000 sind nach Amsterdam gepilgert um dabei zu sein. Es wogt ein Meer von orange Mützen, aufblasbaren Kronen, Schals und Federboas: Karneval royale. Aufpassen, sagt Friso, jetzt redet der Bürgermeister von Amsterdam. Job Cohen hält eine bewegende Rede über die Liebe. Er hoffe, dass sie es schaffen, „im eigenen Tempo zu leben, und nicht immer bestimmt zu werden vom Tempo einer Goldenen Kutsche". Thronfolger Willem-Alexander legt auch viel Wert auf Privatsphäre: „Das ist meine Frau. Und meine Hochzeit" hatte er zuvor mehrfach in Interviews gesagt, „keine Seifenoper". Die diensthabenden Punks des Tages haben sich angepasst an die vorherrschende Farbe: Orangefarbener Irokesenschnitt sieht auch gut aus, finden sie. Dass in Amsterdam jeder fünfte unter der Armutsgrenze lebt, fällt im Festgetöse kaum auf. Obdachlose und Schnorrer integrieren sich nahtlos in die feiernde Menge. Und die Taschendiebe feiern auf ihre Weise. Aber was ist denn jetzt los? Maxima weint ein bisschen. Dezent tupft sie sich eine Träne aus jedem Augenwinkel. Alles sehr bewegend, auch für die Menge auf dem Platz. Aber immer noch kein Kuss. Vielleicht bei der kirchlichen Zeremonie gleich anschließend? Friso hofft weiter, gemeinsam mit der neuen Bekannten Annie neben ihm. Man kommt sich eben schnell näher an so einem Tag. 30 000 weiße Blumen schmücken die Kirche. Europäischer Hochadel, Nelson Mandela, Kofi Annan und Hunderte weitere Festgäste warten. Der protestantische Pastor Carel ter Linden spannt den Bogen zu Maximas Heimat: man denke an die Familie in Argentinien und an ihr Land, das so schwere Zeiten durchmache.Die Augen der Braut schimmern feucht. Sie hält sich tapfer. Zwar blieben ihre Eltern zuhause, weil ihr Vater politisch umstritten ist, aber ihre Geschwister, die Patentante und viele Freunde kamen. Dann das kirchliche Ja- Wort. Ja von Alex, Ja von Maxima und ein drittes Ja von der Menge auf dem Platz, simultan aus zehntausenden Kehlen. Schließlich heiratet Maxima hier nicht nur ihren Mann, sondern gleich ein ganzes Volk. Fröhliches Lachen in der Kirche, als Alex Mühe hat, den 2,5 Millimeter schmalen Platinring über Maximas Ringfinger zu schieben. Wieder ein tiefer Blick der beiden, aber wieder kein „sie dürfen de Braut jetzt küssen". Eine königliche Pressedame klärt später auf: Bei Royals werde weder auf dem Standesamt noch in der Kirche geküsst. Erst bei der Balkonszene. Warum? „Das Protokoll will es so". Doch das Volk will den Kuss. „Der Kuss, der Kuss, wo bleibt der Kuss?" ruft Friso, inzwischen gemeinsam mit Annie und ein paar Dutzend anderen in Brautkleidern. Seit fünf Stunden stehen sie hier. Langweilig wird es nicht. Denn sie spielen Tango in der Kirche: Carel Kraayenhof lässt das Bandoneon schluchzen. Eine leidenschaftliche Melodie, ungewohnt für niederländische Ohren,wunderschön. Maxima lässt die Tränen kullern. Alex streichelt zärtlich ihre Hand. Aber immer noch kein Kuss, auch nicht zur Aufmunterung. „Ach Gott, ist das schön!" wispert Annie und hält sich mal eben an Friso fest. Der schluckt auch. Die Massen vor den Videoschirmen sind ganz still. 15 Grad, Sonne, strahlender Vorfrühlingstag, da glitzert die echte goldene Kutsche um so mehr, mit der Maxima und Alex danach eine Tour um die Stadt machen. Am Koningsplein wartet man auch gespannt auf das königliche Paar. Menschenrechtsgruppen aus Argentinien, Antimonarchisten, Radikal-Grüne und Sozialisten haben hier ihren Platz für Protest zugewiesen bekommen. Ein weißer kleiner Farbbeutel fliegt gegen die Kutsche. Binnen Sekunden ist die Farbe weggewischt. Dann, endlich, die Balkonszene am Königlichen Palais. Ein paar Minuten lang winkt das Paar seinem jubelnden Volk zu. „Jetzt aber küssen!" ruft die Menge. Und tatsächlich, es geschieht: Ein tiefer Kuss, dann noch einer, noch einer, sie scheinen gar nicht aufhören zu wollen. Genauer: Maxima sieht, jetzt darf sie endlich. Jetzt lacht sie ganz befreit, die Braut. Sie schaut Alex an, als wolle sie sagen: was für ein wunderbares Volk diese Niederländer doch sind. Sie nimmt ein bisschen Abschied von Argentinien. Mit einem entschiedenen Griff zieht Maxima ihren Ehemann noch mal zu sich heran. Es wird noch mal geküsst, viel öfter als es das Protokoll verlangt. Aber das interessiert jetzt niemanden. „Ist doch echte Liebe, sieht man gleich", seufzt Friso, mit Annie im Arm. Die schnieft. Wo war nochmal das Taschentuch? Kein Mensch denkt jetzt mehr, dass Maxima angeblich nur zweite Wahl war und Alex lieber die schwedische Kronprinzessin Victoria gehabt hätte. Niemand glaubt die Geschichten von der bösen Schwiegermutter Beatrix, die Maxima angeblich trietzt wo sie kann. Das Haus von Orange hat sich und das junge Glück perfekt inszeniert. Heute, Montag, sind Maxima und Alex längst weg in die Flitterwochen. Wohin, das war am Wochenende noch ein Geheimnis. Angeblich wusste noch nicht einmal die Braut, wohin ihr Alex sie entführen wollte. Zwei Ziele wurden als heiße Tipps gehandelt: Niederländische Antillen oder Salt Lake City, zu den Olympischen Spielen. ----------------------------------------- maxima-2.2.2