Kommentar: Mythos und Polder Von Claudia Diers-Lienke Manche sagen ja, die ganze Sache sei ein kompletter Mythos: Das Poldermodell. Steht und fällt es jetzt endgültig mit Wim Kok? Fest steht: Kok hat das Poldermodell nicht erfunden, wohl aber seine Früchte geerntet. Zurück geht das Konzept auf eine Kommission, die schon in den 70er Jahren an neuen Konzepten arbeitete. Umgesetzt ab den 90ern, half es die Staatsschulden in den Niederlanden zu reduzieren, brachte Leute zurück an die Arbeit und förderte Wirtschaftswachstum. Es gibt deutlich mehr Teilzeitjobs und ein relativ entspanntes Verhältnis zwischen Gewerkschaften und Arbeitgebern. Zu den Fans gehört kein geringerer als Gerhard Schröder. Die Deutschen, so sagte Schröder immer wieder, sollten es genauso machen sollten wie ihre holländischen Nachbarn. Allerdings ist das Bündnis für Arbeit in Deutschland ein ständig wieder tot gesagtes Modell, während es in den Niederlanden bestens funktioniert. Der Grund: eine kulturelle Tradition langer Verhandlungen und des Konsenses in Holland. Was in den Niederlanden sozial funktioniert, kann nicht genauso exportiert werden wie Tomaten und Gurken. Das Poldermodell glückte in einem Land, das relativ einheitlich ist, klein und konform. Wird das Poldermodell Kok im eigenen Land wenigstens überleben? Auch das ist fraglich. Paradoxerweise ist die größte Gefahr ein ökonomischer Boom. Das Poldermodell schuldet seinen Erfolg vor allem Maßnahmen, die in schlechteren Zeiten vorgenommen wurden. Das schließt reduzierte öffentliche Investitionen und Lohnzurückhaltung ebenso ein wie Reformen des Arbeitsmarktes und des Sozialsystems. Die Arbeitslosenstatistik wird statistisch geschönt indem viele Menschen nun „arbeitsunfähig" sind und in einer anderen Statistik auftauchen. Und der Boom am Arbeitsmarkt kam auch durch Billigjobs zustande. Auf der anderen Seite klafft die soziale Schere immer weiter: Immer mehr Manager verlangen nicht Lohnzurückhaltung, sondern gigantische Gehälter (für sich selbst). Beobachtet werden auch ein zügelloses Konsumverhalten der Privathaushalte und explodierende Hauspreise. Das alles hat die nachhaltige Wirkung des Poldermodells in Frage gestellt. Wirtschaftsmodelle kommen und gehen. Die Ära Kok ist beinahe vorbei. Und die des „Poldermodell" geht mit ihm. ----------------------------------- claudia@newsmill.net kok-kommentar-29.8.01