„Arbeiten, arbeiten, arbeiten" Der Anfang vom Ende der Ära Kok: Warum Hollands Premier nicht mehr will - „Durchgreifen statt Tolerieren" - Wie geht es weiter mit dem „Poldermodell"? Von Claudia Diers-Lienke Den Haag.- Jetzt ist es raus : Premier Wim Kok (62) ist bei den nächsten Wahlen in den Niederlanden im Mai 2002 kein Spitzenkandidat seiner Partei mehr. Er selbst läutete den Anfang vom Ende der Ära Kok ein und gab gestern (Mittwoch) die lange erwartete Erklärung ab. Warum will er nicht mehr? Wim Kok hat sich gut geschlagen, sagen sogar seine Kritiker: Er sei ein pragmatischer „Macher" mit hoher Kompetenz, allerdings kein besonders feinfühliger Menschenkenner. „Arbeiten, arbeiten, arbeiten", war die Parole, die er 1994 an seine Niederländer ausgab. Doch jetzt will er Platz machen für einen jüngeren, Kronprinz Ad Melkert (45), und sich selbst warm laufen für einen Job in Brüssel, heißt es. Niemand in den Niederlanden kann sich vorstellen, dass der populäre „Big Wim" sich völlig von der politischen Bühne verabschieden wird. Sozialist Kok hat sich systematisch hochgearbeitet: Gewerkschaftsfunktionär, Parlamentsmitglied, Finanzminister unter dem christdemokratischen Premier Ruud Lubbers, schließlich ab 1994 selbst Premierminister. Seitdem hörte ihn die Nation täglich ein hohes Arbeitsethos preisen. Gleichzeitig wurde das berühmte „Poldermodell" umgesetzt. In Koks Regierungszeit wurde der Arbeitsmarkt rigoros dereguliert, wurden Flexibilität, niedrige Löhne und Teilzeitjobs gepriesen. „Arbeiten, arbeiten, arbeiten", das nahmen Koks Wähler durchaus ernst, aber am liebsten nur vier Tage die Woche und sei es für 80 Prozent des Lohnes. „Feiern, feiern, feiern" wurde äußerst populär in Holland und die Wirtschaftsdaten zeigten steil nach oben, die Arbeitslosenzahlen sanken. Es ist diese erfrischende Leichtigkeit seiner Landsleute, die Kok manchmal zu schaffen macht. Als „politisches Testament" hinterließ er den Niederländern diese Woche das neue Motto: Macht Schluss mit der Politik des „gedogen", greift durch. Übersetzt heißt „gedogen" so viel wie Politik der Duldung, der Toleranz und bezieht sich auf die lasche Handhabung vieler Regeln in Holland. Das, so Sozialist Kok, müsse ein Ende haben: „Regeln sind dazu da, befolgt zu werden", erklärt er den erstaunten Niederländern. Die hatten sich so schön daran gewöhnt, dass es zwar für vieles Regeln gibt, sie aber ignoriert werden können. Bestes Beispiel: Weiche Drogen. die sind in Holland zwar nicht legal, aber „gedogen", toleriert. Allerdings hatte die „gedogen"-Politik in anderen Feldern auch dazu geführt, dass Sicherheitsbestimmungen am Bau oder im Gesundheitswesen zu wenig kontrolliert wurden. Jüngste Beispiele: Die Feuerwerks-Katastrophe in Enschede, der Cafehausbrand in Volendam oder der Ausbruch einer Menigokokken-Epidemie in Zeeland. Der Premier steuerte sein lila Kabinett durch schwere Gewässer. Die Farbe Lila ergibt sich durch den Mix der offiziellen Farben der involvierten Parteien: Rot für die Arbeitspartei (PvdA), blau für die Liberalen (VVD) und grün für die zentristische D 66. Die lila Koalition besteht seit 1994 und gilt als sehr progressiv. Bis 1994 hatten die Christdemokraten in jeder Regierung der Niederlande seit dem ersten Weltkrieg mitregiert. „Lila" vereinigte zwei Extreme: Die Sozialisten auf der einen Seite und die Wirtschafts- Liberalen auf der anderen. ----------------------------------------- claudia@lienke.net kok-29.08.01