Perfekt organisiert - und teuer Kinderbetreuung in Holland kommt arbeitenden Eltern entgegen - In den Grundschulen lernen schon Vierjährige Lesen - Ganztagschulen auch für Kleine - Eltern engagieren sich stark Von Claudia Diers-Lienke Rotterdam.- „Polletjes" steht an der Eingangstür, ein bunter Hase und ein Bär verzieren den Giebel. Drinnen krabbelt Jan (8 Monate) gemeinsam mit Vivien (dreieinhalb Jahre) und zehn anderen Kindern über den gelben Fußboden. Babyfläschchen stehen einträchtig neben „richtigen" Trinkgläsern, Säuglinge und Kindergartenkinder werden zusammen betreut: Wir sind in einem „kinderdagverblijf", einer Mischung aus Säuglingskrippe und Kindergarten. Damit startet meist die Betreuungs-Karriere kleiner Niederländer außer Haus. Die Niederlande sind statistisch gesehen ein Land mit „eineinhalb Einkommen" pro Familie mit Kindern. Das bedeutet, dass die Kinder ja irgendwo bleiben müssen, wenn die Eltern arbeiten. Omas, Opas und nicht arbeitende Nachbarinnen werden viel eingesetzt. Doch wer es sich leisten kann, engagiert Profis: knapp 200 000 Kinder sind im Moment registriert in einem der vielen verschiedenen öffentlichen oder privaten Typen von Betreuungs-Einrichtung. Rund 50 000 Kinder stehen außerdem auf Wartelisten. Viele davon sind noch nicht einmal geboren, will heißen: In Holland meldet man sein Kind an, sobald man schwanger ist. Denn auf einen Betreuungsplatz wartet man im Schnitt sechs Monate. Der Erziehungsurlaub ist, anders als in Deutschland, nicht nach drei Jahren vorbei, sondern bereits nach drei Monaten. Ergo gehen viele kleine Niederländer bereits ab einem Vierteljahr zum „dagverblijf". Die meisten größeren Arbeitgeber haben Vereinbarungen mit diesen Zentren, wo sie eine Anzahl Plätze für ihre Mitarbeiter reservieren. Die Verteilung dieser Plätze ist perfekt organisiert - und teuer: Es kostet 165 Euro pro Monat, wenn das Kind einen ganzen Tag pro Woche in ein Betreuungszentrum geht (8 Uhr bis 18 Uhr), zwei Tage kosten 330 Euro pro Monat und so weiter. Doch meist zahlt der Arbeitgeber den größten Anteil und die Eltern bestreiten einen einkommensabhängigen Anteil. Neben den Betreuungszentren für Null- bis Vierjährige kennt man in Holland auch „peuterspeelzalen", die eher deutschen Kindergärten entsprechen, für 2- bis 4jährige. Sie haben nur morgens auf, sind vor allem Spielstätten für die Kinder und kosten rund 80 Euro pro Monate für zwei halbe Tage pro Woche. Natürlich kennt man in Holland auch Tagesmütter wie in Deutschland, Au Pairs und Babysitter. Doch viele Eltern hören auf zu arbeiten oder reduzieren so lange, bis ihre Tochter oder der Sohn 4 Jahre alt ist. Denn dann können Jip oder Janneke in die „große Schule" und die kostet, bis auf die Schulmilch, nichts. Schulpflicht in Holland gilt ab dem 5. Geburtstag des Kindes, aber fast alle Eltern schicken ihre Kinder schon mit 4 Jahren in die „Basisschool". Ab dem 4. Geburtstag (und nicht erst im Herbst danach wie in Deutschland) darf das Kind in eine Schule der Wahl gehen. Im Gegensatz zu Deutschland wird das Kind nicht einer Schule im Wohnviertel zugeteilt, sondern die Eltern können und müssen selbst eine Schule aussuchen: entweder religiös orientiert, staatlich oder alternativ. Ab „groep een" (erste Klasse, mit vier Jahren) haben die Kinder täglich zu den selben festgelegten Zeiten Schule: 8.45 Uhr bis 12 Uhr, dann noch mal von 13.30 Uhr bis 15.30 Uhr. Es gibt keine wechselnden Stundenpläne. Schultaschen schleppen hat man auch abgeschafft: die Sachen bleiben immer im Klassenzimmer. Wenn Mama und Papa ganztags arbeiten, nehmen die Kinder ihr Essen mit und werden mittags von einer Elterninitiative in der Schule betreut, für umgerechnet 1,70 Euro pro Mittag - inclusive Lieder singen und basteln. In den Klassenzimmern für vier-bis fünfjährige stehen Klettergerüste und Puppenecken, Kuschelsofas und Lesezonen. Es ist eine spielerische Vorschule, mit Stühlen, Tischen und Unterricht in Lesen, Schreiben und Basis-Rechnen. Kein Wunder, dass Holland keine Angst vor der Pisa-Studie hat. Und nach der Schule? Da gibt es den „buitenschoolse opvang", der die Kinder mit Minibussen abholt und von 15.30 Uhr bis 18 Uhr in ein Betreuungszentrum mitnimmt, wo sie spielen, toben oder ausruhen können. Diese Zentren bieten auch Betreuung an während der Schulferien. denn in Holland haben Kinder 12 Wochen Ferien - deutlich mehr als ihre arbeitenden Eltern. Dieser Ferien-Hort kostet ist ähnlich teuer wie die Säuglingskrippe, aber auch hier zahlen viele Arbeitgeber etwas dazu. Und wie ist das leidige Thema Hausaufgaben-Betreuung geregelt? Ganz einfach: es gibt keine Hausaufgaben bis zur „groep zes" (vierte Klasse in Deutschland). Erst dann bekommen die Kinder Übungen mit nach Hause. Die Grundschulzeit geht bis „groep 8". In Deutschland wäre das sechste Klasse, erst danach wechseln die Kinder auf höhere Schulen und sind nun groß genug, um mit einem Schlüssel auch selbst nach Hause zu gehen. Das System funktioniert in Holland aus zweierlei Gründen: weil die meisten Arbeitgeber etwas dazu bezahlen. Und weil die Eltern selbst sich kräftig engagieren, um eventuelle Lücken, wie die Betreuung in der Mittagszeit, auszugleichen. Für die Mittagsbetreuung in der Schule bekommen die betreuenden Mütter ein kleines Gehalt - wichtige Anerkennung und ein schöner Anreiz für Frauen, die nicht anderweitig arbeiten gehen möchten. --------------------------------- kinderbetreuung-holland www.newsmill.net 2/2002