Wie Frau Claudia über Frau Antje schreibt Zwischen Käse und Tribunal: Auslandskorrespondentin in den Niederlanden Von Claudia Diers-Lienke Vlaardingen bei Rotterdam. - „Holland? Das ist doch nicht dein Ernst? Da ist doch überhaupt nichts los!" Fassungslos war Freundin und Kollegin Ingeborg. Sie konnte nicht begreifen, wie es mich nach 10 Jahren Politikredaktion in Deutschland und zwei aufregenden Jahren Südafrika nun nach den Niederlanden ziehen konnte. „In Holland, da gibt es doch nur Frau Antje und Käse, Tulpen und Clogs", wusste Ingeborg. „Sonst nix. Gähnend langweilig, worüber willste da schreiben?!" Drei Monate später. Ich bekomme fast keine Luft mehr. Wieder einmal ärgere ich mich, nur 1,65 Meter groß zu sein. Um mich herum schlagen sich die Teams von CNN und BBC. Es geht um die besten Plätze im Pressesaal des Kriegsverbrechertribunals in Den Haag. Slobodan Milosevic ist nach Den Haag ausgeliefert worden. Der erste wirklich dicke Fisch am Tribunal. Ein großer Tag für die internationale Gerichtsbarkeit. Und ich mittendrin. Von wegen: Nichts los. Das sind die Tage, da geht mir das Herz als Korrespondentin auf. Tage, an denen sich wie im Brennglas das Leben (und Leiden) vieler auf einen Punkt konzentriert. Dann ist Auslandskorrespondentin der schönste Beruf der Welt - selbst wenn es nicht mein Wunsch war, schon wieder umzuziehen, sondern das Schicksal der Ehefrau eines international aktiven Wissenschaftlers. Wieder zwei Monate später. Mein Alltag ist weder irgendwelcher Käse noch der aufregende Tag mit Milosevic. Alltag als Auslandskorrespondentin in den Niederlanden ist: Jeden Morgen wieder seine Antennen aufzustellen. Mit offenen Augen durch dieses Land zu gehen. Nie aufhören, scheinbar dumme Fragen zu stellen, nie aufhören, sich zu wundern. Wie ich an die Infos komme? Zeitungen und Radio auswerten, Presseticker anschauen, Internet-Recherchen und viele Kontakte pflegen. Themen zu erfühlen, ist eine Frage der Sensibilität. Experten zu befragen, das ist journalistisches Handwerk. Niederländisch und Englisch brauche ich für Recherchen, beim Schreiben schalte ich um auf Deutsch oder Englisch. Auch Leute im Käseladen bringen mich auf Ideen. Sie diskutieren auch schon mal über das „Poldermodell" und andere Sozialreformen, aber natürlich am liebsten über Kronprinz Willem und seine Maxima, über den Euro und über die Homos. Wer mit Niederländern quatscht, bekommt zwei Vorurteile bestätigt. Erstens: Sie fahren ständig in Urlaub. Am liebsten mit dem Wohnwagen Tempo 20 über die Alpen. Und sie nehmen zwei Säcke Kartoffeln mit (ist billiger). Zweites Vorurteil: Niederländer reden ausgiebig über alles. Mit zwei Ausnahmen: Sex und Gehälter. Sie sind tolerant und lieben Harmonie. Am Ende muss immer alles „mooi", „lekker" oder „leuk" sein, übersetzt: schön, lecker oder prima. Wenn die Auslandskorrespondentin dann für Ulm berichtet, sitzt sie meist in ihrer Dachkammer, ungestylt und glücklich. Sie überlegt fieberhaft: was wollen die Schwaben wissen über die Holländer? 80 Prozent sind Recherche, 20 Prozent schreiben. Wenn die Korrespondentin auch noch zwei Kinder hat, schmiert sie Mittags Butterbrote und erzählt abends Gutenachtgeschichten. Ein ganz normaler Job also. Eben doch nicht. „Hallo, ich komm' heut früher nach hause", sagt mein Mann, ein Chemiker, um 18 Uhr am Telefon. Ich muss ihn abwürgen: „Schön, ja, aber lass dir Zeit, weißt du, gerade kam die Meldung vom Königshaus, dass Prinz Claus ernsthaft krank ist, ich muss noch schreiben." Dann stehen bei Lienkes die Spaghettis wieder mal sehr spät auf dem Tisch, weil irgendwas in der Weltgeschichte Hollands passiert. Denn schnell muss man sein. Manana manana - das gibt es nicht bei Tageszeitungen. Sogar das niederländische Königshaus zieht es inzwischen vor, Journalisten per blitzschnellem E-mail Newsletter zu informieren. Bei „Königs" in den Presseclub aufgenommen zu werden, dauerte eine Weile. Aber dann war ich „drin". Das gleiche gilt für das Kriegsverbrechertribunal der Vereinten Nationen in Den Haag. Es ist eine internationale Szene, in die man am besten durch Kollegen gelangt. Schwierig wird es immer dann, wenn man mehr will als das Übliche. Ein Beispiel: Um in Europas größtem Meeressäugerpark, Dolfinarium Harderwijk, hinter die Kulissen schauen zu dürfen, muss man eine harte Nuss knacken. Das gehört zum Job. Die Marketingfrau vermittelte mir nach zwei Monaten, 14 E-mails, acht Anrufen und drei Mal hinfahren doch noch ein Interview mit einer Delfintrainerin. Und jetzt kann ich ganz Ulm berichten, dass Delfine sich wie nasse Gummistiefel anfühlen. Und wenn ich mal nicht arbeite? Dann paddele ich mit dem Vlaardinger Kajak-Club nach Delft und hoffe, dass der Trainer heute nicht verlangt, die Eskimo-Rolle zu üben. Die schaffe ich nie! Schon gar nicht in diesem trüben Polderwasser. Manchmal sitze ich in den Dünen am Strand und wundere mich über meinen Sohn, der binnen einer Stunde 25 Garnelen und vier neue Freunde anschleppt. Und wovon ich träume? Ganz ehrlich? Naja: Berge! Skifahren! Im August bei 35 Grad buche ich schon die Winterferien. Wie die meisten Holländer auch. So, nun habe ich Ihnen einiges über Niederlande erzählt. Jetzt will ich aber auch noch etwas von den swp-Lesern wissen, nämlich: was möchten sie gerne aus und über Holland lesen? Schreiben sie mir - ich freue mich! E-mail: claudia@lienke.net P.S.: Habe noch keine einzige Holländerin kennen gelernt, die Antje heißt. Aber mindestens schon fünf mit dem Namen Ingeborg.