Zum Dieb anstatt zum TÜV Wie man in der Fahrrad-Nation Niederlande Fahrradschlösser testet - Gehärteter Stahl ist das einzig Wahre Von Claudia Diers-Lienke Amsterdam.- Fahrradschlösser aus gehärtetem Stahl, die ganz schweren, ummantelten, fast so dick wie ein Kinderarm : Die sind das einzig Wahre. Da machen Diebe einen großen Bogen drum herum. Diese Schlösser sind kaum zu knacken. Auch nicht mit einer Betonzange. Zu diesem Schluss kommt der Niederländische „Fietsersbond" (Fahrradclub) nach einem ausführlichen Test. Denn im Fahrradland par excellence, den Niederlanden, werden so viele Räder geklaut wie sonst fast nirgendwo. Jeder „fietst", vom Manager bis zum Schulkind. Radeln ist ein Zeichen von Unabhängigkeit und Fitness, nicht von Armut. Die breiten, überall deutlich rot markierten Radwege und die abgesenkten Bürgersteige machen es bequem und schnell. Das Paradox: Ein Fahrrad zu klauen gilt beinahe als Kavaliersdelikt - und bleibt dennoch ärgerlich für die Opfer. Wer also weiß das meiste über Fahrradschlösser? Genau, die Diebe. Ergo ging der Fietsersbond nicht etwa zum niederländischen TÜV-Äquivalent, sondern auf Suche nach erfahrenen Dieben in den Städten, wo die meisten Räder geknackt werden: in Amsterdam und in Utrecht. Schwierig war es nicht, die Experten zu finden, sagt Anne van Voorthuisen, die für den Fietersbond auf Diebe-Jagd ging. Ihre bevorzugten „hang outs" sind allgemein bekannt: der Tunnel unter Hoog Catherine in Utrecht und in Amsterdam die Sleutelbrug nahe der juristischen Fakultät (tagsüber) und der Koningsplein (nachts). „Ich verstehe auch nicht, wieso die Polizei nicht mehr Fahrraddiebe verhaftet. Man kommt ganz einfach an sie heran", sagt Voorthuizen. „Sie fummeln an den Schlössern herum, fahren auf Rädern mit krummem Schloss und sind auffällig auf der Suche nach Käufern". Durchschnittspreis: 40 Gulden (32 DM). Einen schlappen Nachmittag lang suchte Anne van Voorthuizen. Dann hatte sie fünf Diebe gefunden, die ihr ohne Zögern die Tricks des Fachs beibrachten. Der Fahrradclub arbeitete insgesamt mit zehn „Schlösserspezialisten". Porto aus Utrecht zum Beispiel: Er klaut etwa 10 bis 20 Räder pro Tag. Seine Spezialität ist das Axa-Ringschloss. Die öffnet er mit einem gezielten Schlag mit einem Stein. Die meisten Diebe haben eine Spezialisierung. In Amsterdam stieß Van Voorthuizen auf einen Experten für granitene Abus-Bügel. Nicht aufzubekommen, sagen Fahrradhändler. Der Amsterdamer vereist die Bügel mit einer Sprühdose. Der Stahl wird spröde und dann ist das Superschloss doch noch zu knacken. Was also rät der holländische Fahrradclub? Zu den besten und günstigsten Schlössern gehören „yellow chain" (48 DM) oder „red chain" (69 DM) der Marke Cyclops, sagt der Club. Die schlechtesten seien Panzerkabel- und Spiralkabelschlösser und Ketten mit Hängeschloß. Die knipsten die Diebe mit einer einfachen Zange im Nullkommanichts durch. Natürlich ist dann das Schloss teurer als das Uralt-Fahrrad beim junkie am Bahnhof, sagt Anne van Voorthuizen. Aber man habe wenigstens nicht mehr dauernd Ärger damit, dass es weg ist. -------------------- fiets-2-11-01