„Nur noch Ruinen" Vor knapp zwei Jahren explodierte die Feuerwerksfabrik im niederländischen Enschede - Jetzt kommen die Verantwortlichen vor Gericht Von Claudia Diers-Lienke Enschede/Den Haag.- Es war der 13. Mai 2000. Viele Bewohner von Enschede machten gerade Einkäufe, an einem ruhigen Frühlingsnachmittag. Dann knallte es. „Ich dachte erst, das war ein Überschallflugzeug", erzählt der 27 Jahre alte Ruud van Haren, „und andere Leute machten sogar noch Ah und Oh und dachten, das sei ein Feuerwerk, ein überraschendes". 22 Menschen kamen damals ums Leben, über 900 wurden verletzt. Denn was so scheinbar harmlos begann, wurde zur bisher größten Feuerwerkskatastrophe in den Niederlanden. „Es war chaotisch und gespenstisch, man sah nur noch Ruinen, Schutt und Asche", berichtete ein deutscher Kameramann. Dann begann das Aufräumen in dem betroffenen Wohn- und Gewerbegebiet Roombeek. Innerhalb einiger Monate wurden 250 000 Tonnen Schutt von 1400 zerstörten Gebäuden weggebracht. Die Stadt begann rasch, neue Wohnhäuser und Gewerbeanlagen zu planen. Doch die Frage nach dem „Warum" lastet noch immer schwer über der Seele der Industriestadt Enschede, die nur wenige Kilometer von der Grenze zu Deutschland im Osten der Niederlande liegt. Mit Münster und Osnabrück verbindet Eschede ein Städtenetzwerk, es gibt enge Zusammenarbeit auf vielen Gebieten. Das „Warum" kann der Prozess, der nun beginnt, vielleicht nie ganz beantworten, wohl aber kann er die Frage nach der Verantwortung stellen. Beim Prozess im niederländischen Almelo sitzen Willem Pater und Ruud Bakker auf der Anklagebank. Die beiden Besitzer der explodierten Feuerwerksfabrik S.E. Fireworks hatten sich wenige Tage nach der Katastrophe der Polizei gestellt, Pater noch vor Bakker. Bakker war zunächst in Enschede geblieben, flüchtete dann aber verletzt vom Ort der Katastrophe. Er hatte sich offenbar in einem Krankenhaus im deutschen Gronau behandeln lassen und tauchte vorübergehend unter. Doch sechs Tage später war auch er in Händen der niederländischen Polizei. Die Direktoren wurden später unter strikten Auflagen von der Untersuchungshaft verschont. Seitdem ermittelte die Justiz fieberhaft, aber ohne Details nach draußen dringen zu lassen. „Wir möchten in Ruhe ermitteln", hieß es von einer Justizsprecherin. Lange galt „Funkstille" gegenüber den Medien. Doch schnell wurde klar, in welche Richtung die Staatsanwaltschaft denkt: Die beiden Direktoren werden angeklagt, für das Inferno verantwortlich zu sein. Sie sollen hochgefährliche Feuerwerkskörper auf dem Gelände produziert haben. und sie sollen viel zu viele Feuerwerkskörper dort gelagert haben. Offenbar ging es um sogenannte Fontänen, die Magnesium und Schießpulver enthalten. Niederländische Zeitungen berichteten außerdem über Material, das illegal gelagert worden sein soll. Es gibt Luftaufnahmen vom Fabrikgelände, aufgenommen kurz vor der Katastrophe. Sie zeigen offen stehende Türen an Bürogebäuden und Lagern. Man wertet dies als Anzeichen, dass auch am Samstag in dem Werk gearbeitet wurde - möglicherweise an allen Sicherheitsbestimmungen vorbei. Abgesehen von der konkreten Katastrophe selbst bedeutet Enschede für die Niederlande auch ein nationales Trauma: der Glaube an die Sicherheit im eigenen Land wurde nachhaltig erschüttert. Für das Verfahren gegen Pater und Bakker sind elf Verhandlungstage vorgesehen. Eine Katastrophe wie in Enschede wäre übrigens, so sagt es der Deutsche Verband der Pyrotechnischen Industrie, „unmöglich". Der Grund: Lager für Feuerwerkskörper dürften sich in Deutschland nicht in Wohngebieten befinden, so Klaus Gotzen, Geschäftsführer des Verbandes. --------------------- enschede-hintergrund.doc Claudia Diers-Lienke, NewsMill Niederlande ph 00 31 - 10 - 475 37 51