Vier Kriege hat er angezettelt Welche Anklage Milosevic am Tribunal erwartet - In Scheveningen ist eine Zelle frei - Angeklagter spricht vom "bösen Westen" Von Claudia Diers-Lienke Den Haag . - Jugoslawiens Ex-Diktator Slobodan Milosevic ist immer noch der meistbeachtete Mann seines Landes. Wenn er etwas sagt, dann erregt das Aufmerksamkeit. Und wenn es noch so absurd ist. In einem Interview mit der italienischen Zeitung "La Stampa" verglich Milosevic das Den Haager UNO- Kriegsverbrechertribunal mit "den Konzentrationslagern der Nazis", und behauptete, das serbische Volk habe ihn nur aus Versehen gestürzt. Eigentlich hätten die Serben ihm die Treue halten wollen, aber der böse Westen habe das mit Bomben erschreckt und mit Geld gelockt. Denkwelten eines Verrückten? Wenn ja, dann eines gefährlichen Verrückten. Seit Anfang April sitzt Milosevic hinter Gittern. Wenn er von Belgrad nach Den Haag überstellt ist, wird er einsitzen in einer Hochsicherheitszelle in Scheveningen. Vier Kriege hat Milosevic angezettelt: es begann mit Slowenien 1991, in Kroatien 1991 bis 1995, in Bosnien 1992 bis 1995, im Kosovo 1998/99. In Bosnien und im Kosovo wurde der Konflikt durch Eingreifen der Nato beendet. Und schon zeichnet sich in Mazedonien ein fünfter Balkankrieg ab. Was erwartet ihn, wenn er an das Tribunal überstellt wird? Er wird sich für 200 000 Tote und drei Millionen Vertriebene zu verantworten haben. Und er hat aggressives "Großserbentum" verbreitet, hat nationalistische Gefühle gezielt geschürt und sie benutzt, um Krieg zu stiften. Denn der hielt ihn an der Macht. Dreizehn Jahre, zwischen September 1987 und Anfang Oktober 2000, bestimmte Slobodan Milosevic das Schicksal Serbiens und Jugoslawiens. "Ich habe ein reines Gewissen", sagt der Ex-Diktator. Doch seit dem Machtsturz, nach der Volksrevolte vom 5. Oktober 2000, geht es jetzt nicht mehr um das Gewissen des 59-jährigen, sondern um konkrete, juristisch gültige Beweise, die den ehemaligen jugoslawischen Alleinherrscher vor die Justiz bringen sollen. Zentrale Punkte der Klage in Den Haag sind der Einsatz serbischer Sicherheitskräfte im Kosovo, den Milosevic und die engste Staatsspitze anordneten und vor allem die planmäßig begangenen Verbrechen an Zivilisten. "Das UN-Tribunal ist eine unmoralische und illegale Institution", befindet dagegen Milosevic. Damit wird er bei Carla del Ponte nicht sehr weit kommen. Seit 1999 schon ist die Anklageschrift der Chefanklägerin am UNO-Kriegsverbrechertribunal in den Haag fertig. Seitdem hat Ponte, die als beinhart gilt, immer wieder laut gefordert, endlich auch die großen Verbrecher vom Balkan vor Gericht zu bringen. Wenn es zum Verfahren kommt, wird es beinhart. Denn del Ponte, schweizerischer Abstammung, ist schwere Jungs gewöhnt. Immerhin arbeitete sie zusammen mit dem italienischen Untersuchungsrichter Giovanni Falcone, der für seinen Kampf gegen die Mafia 1992 ermordet wurde. Bei dem Ermittler aus Palermo lernte die Juristin, wie Mafiauntersuchungen laufen müssen. Sie begleitete Falcone zu Verhören, lernte bei ihm Vernehmungs- und Fahndungstechniken, das ganze Instrumentarium eines Profis. Milosevic kann kommen. 28.06.01, copyright:NewsMill