"Mit dem Teufel eingelassen" Srebrenica-Urteil: die 46 Jahre Haft für Krstic sind vor allem ein Signal für Mladic und Karadzic - Hollands Blauhelme schämen sich Von Claudia Diers-Lienke Den Haag. Der Verurteilte will es nicht glauben. Er sei gar nicht dabei gewesen, als das Massaker von Srebrenica passierte, so argumentierten die Anwälte von General Radislav Krstic (53). Er habe einen Einsatz bei der Moslem-Enklave Zepa geleitet, als "es" geschah. Doch das war gelogen. So befand es jetzt das Kriegsverbrechertribunal der UNO in den Haag (ICTY). Der ehemalige bosnische Serbengeneral Krstic sei verantwortlich dafür, dass 1995 tausende Frauen Witwen wurden in Srebrenica. Nach einigen Zählungen 4500, nach anderen fast 8000 moslemische Männer und Jungen wurden damals, während des Bosnien-Krieges, Opfer bosno-serbischen Völkermords. Krstic, ein Liebling des bosno-serbischen Generals Ratko Mladic und des Kriegsherrn Radovan Karadzic, ist nun wegen Völkermordes verurteilt. 46 Jahre Haft verhängte das ICTY. Es ist das bisher härteste Urteil am Tribunal. In Srebrenica geschah das größte und schrecklichste Massaker seit dem zweiten Weltkrieg. Jetzt, knapp sechs Jahre später, markiert das Urteil "schuldig" des ICTY einen Meilenstein. denn es war der erste Schuldspruch des Tribunals wegen Völkermordes in Bosnien. Völkermord ist das schlimmste Kriegsverbrechen. Richter Almiro Rodrigues: "Im Juli 1995, General Krstic, haben Sie sich persönlich mit dem Teufel eingelassen. Darum werden sie heute verurteilt. Die Strafe ist 46 Jahre Haft". Mit unbewegter Mine formulierte Rodrigues weiter: Krstic sei "schuldig am Mord an Tausenden bosnischer Moslems zwischen 10. und 19. Juli 1995, sowohl sporadische Morde in Potocari als auch Morde in Form von Massen-Exekutionen." Beobachter am Tribunal sehen das Urteil als Warnung an Mladic und Karadzic, die noch immer frei sind. Auch ihre Tage in Freiheit könnten bald gezählt sein. ICTY-Sprecher Jim Landale denkt mehr an die Opfer. "Das Urteil zeigt so kurz nach dem Jahrestag des Srebrenica-Massakers, dass die internationale Gemeinschaft die Opfer nicht vergessen hat". Krstic, 53, war 1998 von Nato-Truppen nach den Haag überstellt worden. Er stritt von Anfang an alles ab. Am Ende ließ es sich aber nicht leugnen, dass er mit verantwortlich war. Er war der zweithöchste im Kommandostab des Drina Corps der bosno-serbischen Armee, das den Angriff auf Srebrenica anführte. Srebrenica, eine moslemische Enklave, war damals offiziell eine "Schutzzone", bewacht durch UNO-Blauhelme. Sechs Jahre später ist in Bosnien das Trauma noch lange nicht überwunden. Auch die niederländischen Blauhelme, die die Eklave 1995 eigentlich bewachen und beschützen sollten, sind mit sich noch lange nicht im reinen. In den Niederlanden ist seit Monaten eine intensive Gewissensprüfung im Gange, in der es auch um die Frage geht: Wie konnte so etwas wie Srebrenica in einer UNO- Schutzzone geschehen? Die Antworten sind noch nicht letztgültig gefunden, aber bisherige Aussagen legen nahe, dass die Blauhelme schlicht selbst auch Angst hatten, verwirrt waren und die Lage nicht einschätzen konnten. Angeblich hatten die Niederlande gehofft, Hilfe durch Luftangriffe der Franzosen zu bekommen, doch die französische Seite soll ein Geheimabkommen mit den Serben gegen Luftangriffe gemacht haben. Im Gegenzug sollen die Serben französische Geiseln freigelassen haben. Auch während des Krstic-Prozesses wurden niederländische Blauhelme gehört, einige waren voller Scham und Schuldgefühl. Jetzt, da Krstic verurteilt ist, wird das ICTY nach Aussagen eines Sprechers noch mehr Energie daran setzen, auch Mladic und Karadzic vor das Gericht zu bekommen. 2.8.01, copyright: NewsMill ------------------------ Kontakt f. Redaktionen: Claudia Diers-Lienke NewsMill ++31 - 10 - 475 37 51 E-mail:claudia@lienke.net