Das weiße Pulver und die Angst Wie die Niederlande auf vermeintliche Milzbrand-Anschläge reagieren - Aufregung an der US-Botschaft in Den Haag - Jetzt Pocken-Impfung für alle Von Claudia Diers-Lienke Den Haag.- Straßensperren, weiß-rote Absperrbänder, Blaulicht, große Aufregung: An der US-amerikanischen Botschaft im niederländischen Den Haag herrschte in der Nacht zum Freitag Milzbrand-Alarm. Zwölf Stunden lang bangten drei Wachleute, bis das Resultat des Labors aus Lelystad da war: Entwarnung, kein biologischer Krieg im friedlichen Holland. Ähnlich wie zuvor in Wiesbaden und Berlin hatten Unbekannte in den Niederlanden einen Brief mit weißem Pulver verschickt und einen wirren Spruch über den „Heiligen Krieg" darauf geschrieben. Drei Wachleute der US-Botschaft waren mit dem Umschlag in Berührung gekommen. Man gab ihnen vorsorglich sofort Antibiotika und schickte eine Probe der verdächtigen Substanz zur Untersuchung in das Speziallabor in Lelystad. Wenige Tage nach den Milzbrand-Fällen in Florida leidet nun Holland wie auch Deutschland an der Angst vor einer schwer einschätzbaren Gefahr: Dass der Krieg gegen Osama bin Laden im fernen Afghanistan, in den alle Länder der freien Welt auf die eine oder andere Weise involviert sind, auch zu ihnen kommen könnte. Doch anders als etwa in Großbritannien treibt man in Holland noch keinen Handel damit. Weder in den Straßen von Amsterdam noch Den Haag sind Gasmasken zu kaufen. Die geschäftstüchtigen Holländer halten sich diesmal noch zurück, treiben kein Spiel mit der Angst. „Natürlich habe ich Angst, aber eine Gasmaske hilft da auch nicht, im Gegenteil", sagt Jan t' Hart, Tankwart in Amsterdam. „Die Sache in Den Haag ist doch einfach nachgemacht", meint Alida Koningsveld, Verkäuferin in Vlaardingen, und weiter: „ich fürchte mich nicht vor Milzbrand, eher davor, dass noch einmal etwas mit Flugzeugen geschieht". In Urlaub fliegen würde auch Remco Geurts, Lehrer aus Schiedem, im Moment nicht: „Nein, auf keinen Fall, obwohl die Kontrollen jetzt viel schärfer sind. Aber ich könnte es nicht genießen". Der Haager Bürgermeister Deetman beeilte sich gestern gleich, seine Bürger zu beruhigen. Natürlich seien in der Stadt viele internationale Institutionen angesiedelt wie das Jugoslawien- Tribunal oder der Internationale Gerichtshof der UNO. Aber dennoch gebe es „keinen Grund zur Unruhe, auch nicht in der US-Botschaft selbst". Geärgert hat er sich nur darüber, dass ihn nicht die US-Botschaft direkt über den verdächtigen Umschlag informierte, sondern das Gesundheitsamt. Wenn an der Meldung etwas dran gewesen wäre, hätte die Gemeinde Maßnahmen treffen müssen. Praktisch veranlagt, wie die Holländer nun mal sind, konzentrieren sie sich jetzt auf das Machbare. Gesundheitsminister Borst ordnete auf Rat des „Outbreak Management Teams" zunächst einmal an, wenigstens endlich alle Holländer gegen Pocken impfen zu lassen - „wie in anderen zivilisierten Ländern auch."