Die Stahlmagnolie und der Märtyrer Beim UNO-Tribunal in Den Haag: Chefanklägerin del Ponte zieht die Schlinge um Milosevic immer enger - Nächste Woche auch Anklage wegen Völkermordes in Bosnien - Warum der Serbe noch immer trotzt - Vorlesestunde Von Claudia Diers-Lienke Den Haag.- «Völlig konstruiert » seien die Vorwürfe gegen ihn, sagt der Mann im dunkelblauen Anzug. Er war einmal der Präsident Serbiens, träumte den großserbischen Traum und ist verantwortlich für Kriege in Kroatien, Bosnien-Herzegowina und im Kosovo. Doch er sieht sich als „gekidnappt" durch das UNO-Tribunal, das sich im niederländischen den Haag mit Kriegsverbrechen im ehemaligen Jugoslawien beschäftigt. Unberührt liegen die Anlageschriften gegen ihn in seiner Zelle. Man muss sie ihm in stundenlangen Verfahren mündlich vorlesen, so wie gestern die erweiterte Kosovo-Anklage und die neue Kroatien-Anklage. Er liest sie nicht. Das bekräftigte Milosevic( 60) jetzt bei seinem dritten Erscheinen vor dem Tribunal. Welche Taktik verfolgt der ehemalige Kriegstreiber damit? Das Gericht hatte ihm beim vorigen Termin vor acht Wochen drei „amici curiae" zugeteilt, sogenannte Gerichtshelfer, die vermitteln sollten zwischen dem Angeklagten und dem Gericht. Doch auch von den dreien, allesamt Spitzenjuristen, hält Milosevic „nichts". Er ist „ besonders enttäuscht", dass der eine amicus Branislav Tapuscovic, der ja immerhin aus Serbien stamme, „meinen gerechten Kampf nicht erkennt". Milosevic habe nämlich, so sieht er das, sein Land nur gegen „Terrorismus" und „NATO-Aggression" verteidigt. Immerhin, die „amici curiae" bringen vor Gericht den Antrag ein, zu prüfen, ob Milosevic' Fall an diesem Tribunal überhaupt verhandelt werden dürfe. Ergo: Milosevic sitzt nach wie vor ohne legale Verteidigung in Den Haag. Das macht es noch wahrscheinlicher, dass er am Ende des Prozesses "schuldig" gesprochen wird. Man rechnet damit, dass der eigentliche Prozess im Januar oder Februar 2002 beginnt und sich über Monate, wenn nicht Jahre, hinzieht. Milosevic wird sich einem riesigen Berg von Beweisen gegenüber sehen; die Schlinge zieht sich zu. Das schließt die Zeugenaussagen von Überlebenden des Kosovo-Konflikts ebenso ein wie die Ergebnisse von Wissenschaftlern, die die sterblichen Überreste von Tausenden Opfern exhumiert haben. Was der Chefanklägerin, Carla del Ponte indes noch fehlt, sind tiefgehende Aussagen von früheren Top-Chargen der serbischen Befehlskette. Mehrfach schon war eine Bosnien-Anklage anvisiert worden, jetzt ist sie offenbar wirklich fast fertig: die Schweizer Chefanklägerin kündigt sie für nächste Woche an. An Bosnien hatte die blonde Anklägerin, Spitzname „Stahlmagnolie", noch zu beißen. Warum? Das hat zu tun mit der Definition der Frage: Was ist eigentlich ein Kriegsverbrechen? Völkermord, Verbrechen gegen die Menschlichkeit, Misshandlung von Zivilisten oder Gegnern während eines Krieges können darunter fallen. Wegen Völkermordes würde del Ponte Milosevic gerne anklagen. Es ist das schwerste Kriegsverbrechen. Gleichzeitig ist gezielter, geplanter Völkermord auch das am schwersten nachweisbare Verbrechen. Man muss nachweisen, dass es „gezielte Handlungen" waren, „zur völligen oder teilweisen Zerstörung einer nationalen, ethnischen, rassischen oder religiösen Gruppe". Das will del Ponte Milosevic vor allem in Bosnien nachweisen. Doch dort sind noch mehr Beweise verschwunden als im Kosovo oder in Kroatien. Schwacher Trost für die Chefanklägerin: Seit kurzem gelten auch systematische Massenvergewaltigungen und andere Formen systematischer sexueller Gewalt zur Kategorie der Kriegsverbrechen, und sind im Strafmaß gleich an zweiter Stelle hinter Völkermord angesiedelt. Massenvergewaltigungen werden in den schon vorliegenden Anklageschriften genannt. Wie hoch wird die Strafe für Milosevic ausfallen? Mehrfach lebenslänglich, so sagen Völkerrechtsexperten. Selbst wenn es nicht möglich sein dürfte, ihm nachzuweisen, dass er irgendjemanden persönlich erschossen hat, so erlaubt es das Statut des Internationalen Kriegsverbrechertribunals doch, Staatschefs für Taten, die unter ihrem Kommando geschahen, zur Verantwortung zu ziehen. Diese sogenannte „command responsibility", unter anderem als oberster Kommandeur der serbischen Armee, gilt als sicher nachgewiesen. Milosevic zieht es vor, solche Anklagepunkte, wie sie gestern live vor Gericht vorgelesen wurden, mit unbewegtem Gesicht zur Kenntnis zu nehmen. Er denkt offenbar noch immer, er habe bessere Chancen, wenn er die Legitimation und Fairness des gesamten Tribunals anzweifelt. Das hat vor ihm bereits der Bosno-Serbe Dusco Tadic vergeblich versucht; ergo gilt dies nur als Verzögerungs- und Ablenkungsmavöver. Dennoch hofft Milosevic, so ein focus zu bleiben für serbische Nationalisten, anti-westliche Orthodoxe in Osteuropa und, durch seine Gegnerschaft gegenüber Nato und anderen westlichen Feinden, für Globalisierungsgegner. Es passt in das historsche Bild, das er gerne von sich zeichnen würde, das eines serbischen Helden - und nun Martyrers. Milosevic hofft dabei inständig, dass seine Anhänger vergessen haben, dass er vor sechs Jahren bei der Dayton Friedenskonferenz über Bosnien-Herzegowina eigenhändig ein Abkommen zur Kooperation mit dem Tribunal zusagte - eben jenes Tribunals, das er nun so heftig bekämpft.