„Mittelalterliches Abschlachten" In Den Haag begann der Prozess gegen Milosevic - „ Er ist intelligent und ehrgeizig" - Es geht um Verbrechen, nicht um Politik Von Claudia Diers-Lienke Den Haag.- „Das hier", sagt Carla del Ponte, „waren die schlimmsten Verbrechen der Menschheit, es war ein mittelalterliches Abschlachten, durch nichts zu rechtfertigen, auch nicht im Krieg". Der, dem das gilt, hängt den Arm lässig über die Stuhllehne. „Slobodan Milosevic ist ein intelligenter, ehrgeiziger Mann, ein komplexer Mensch der auf die Vergesslichkeit der Menschen baut. Alles was er wollte, war, die eigene Macht auszubauen, egal wie" beschreibt ihn beim Prozessauftakt gestern in Den Haag der Anwalt der Anklage, der Engländer Geoffrey Nice. „Ethische Säuberungen" gegen alle, die nicht- serbisch waren, „dienten ihm zum Machterhalt". Manche vergleichen den Angeklagten mit Hitler, anderen ist das zu monströs. Sicher ist er einer der schlimmsten Dämonen des 20. Jahrhunderts, der nun vor dem internationalen Jugoslawien-Tribunal steht. Zum ersten Mal in der Geschichte muss sich ein ehemaliges Staatsoberhaupt, Serbiens früherer Präsident, vor einem solchen Gericht für seine Taten verantworten. Seine Taten? Er hat wohl kaum jemanden selbst erschossen, davon geht die Anklage aus. Er ließ es tun, er befahl es persönlich, so sagen die Ankläger. Das müssen sie jetzt beweisen. An einem Tag im Jahr 1991, bei Vukovar in Kroatien , fliehen ein Mann, 51 Jahre alt, und seine Frau, vor serbischen Angriffen. Im Krankenhaus fühlen sie sich sicher. Zu Unrecht. Der Mann wird weggeschleppt in ein Lager; zu Boden geworfen; Soldaten springen ihm auf den Brustkorb. Der Mann wird als Zeuge aussagen im Milosevic-Prozess, zusammen mit sechs anderen. Nur diese sechs überlebten das Massaker. Die anderen 261 wurden abgeschlachtet. wie Tausende andere auch. Bosnien, wenige Jahre später. Eine hochschwangere Frau flieht vor serbischen Angriffen in den Wald, bringt dort ihr Kind zur Welt. Sie hat keine Zeit mehr, dem Kind einen Namen zu geben. Sie und 45 weitere Menschen werden aufgespürt. Die serbischen Milizen sagen ihnen, sie brächten sie „zum Roten Kreuz". In dem Haus, wo sie landen, sind alle Teppiche mit Benzin getränkt. Sie werden lebendig verbrannt. Das Baby schreit zwei Stunden lang. Kosovo, wenig später. Eine Gruppe Frauen, darunter eine Mutter und ihre 20 Jahre alte Tochter, werden zusammengetrieben. Statt in einer Moschee, von der ihre Peiniger sprachen, landen sie in einem zerbombten Haus. Immer wieder kommt man sie holen, immer wieder werden sie missbraucht von den Soldaten. Eines Tages kann die Mutter fliehen. Später findet sie ihre Tochter, zusammen mit sieben anderen, ertränkt am Grund verschiedener Brunnen. Solche Fälle, solche Zeugen, haben die Menschen, die am Tribunal arbeiten, seit Jahren gesammelt. Die knapp 1200 Mitarbeiter der UNO-Institution sprechen alle mehrere Sprachen und reisen viel. Für die Mitarbeiter der Ermittler hieß das: Exhumierungen von Massengräbern auswerten, grausame Geschichten dokumentieren, mit zitternden Zeugen sprechen. „Was wir hier tun", sagt der Brite Nice, „tun wir für die Opfer". „Ganz ruhig und ohne große Emotionen" soll laut Nice der Milosevic-Prozess ablaufen. Die Anklage, wolle es so leidenschaftslos angehen wie möglich. Alle haben Ringe unter den Augen. Mit der Anklage zum Kosovo begann nun der historische Prozess gegen Milosevic. Verbrechen gegen die Menschlichkeit und Kriegsverbrechen heißt der Fachausdruck für das, was ihm das UNO-Tribunal vorwirft. 4500 bis 10 000 Menschen wurden Schätzungen zufolge im Kosovo getötet, 750 000 gewaltsam vertrieben. Im Kosovo lebten damals, Anfangs der 90er, rund zwei Millionen Menschen, knapp 90 Prozent davon waren Albaner, der Rest Serben. Doch Milosevic wollte, so sagte es gestern der Ankläger, den Kosovo und mit ihm das Amselfeld, für sich und die Serben sichern. Um jeden Preis. Für Milosevic steckt natürlich Politik dahinter. Mehr als 600 Jahre serbische Geschichte und der Kampf ums Amselfeld. Genau das aber will die Anklage ausklammern. Del Ponte: „Das hier ist ein Strafprozess gegen einen Kriminellen und seine ganz persönliche Verantwortung , kein politischer Prozess". Debatten über Großserbien will die Schweizerin vermeiden. Führt doch zu nichts. Der Angeklagte selbst machte sich gestern ,im Unterschied zu den Vorverfahren, eifrig Notizen. Das weitere Verfahren sieht vor, dass Milosevic heute (Mittwoch) ein kurzes Statement abgeben kann. Danach beruft die Anklage Zeugen ein und präsentiert Beweise. Diese Phase soll bis etwa Juli abgeschlossen sein. Zeugen können ins Kreuzverhör genommen werden. Erst danach macht der Angeklagte ein längeres Eröffnungs-Statement und benennt wiederum seine Zeugen. Der gesamte Prozess wird mindestens zwei Jahre dauern. ---------------------------------- Milosevic-12-februari-2002 www.newsmill.net Claudia Diers-Lienke, Niederlande Telefon von D: 00 31 10 475 37 51