Kommentar zum Prozessauftakt (12.2. 2002) Quittung für Milosevic Von Claudia Diers-Lienke Episch lang wird er werden, und auf jeden Fall spannend: Der Prozess in Den Haag gegen Slobodan Milosevic. Es wird eine Weile dauern, bis das Jugoslawien-Tribunal der UNO sein Urteil spricht. Denn was aussieht wie eine klare Sache, ist ein sehr delikates Verfahren. Beweise für Milosevic' Verbrechen zu präsentieren, das wird schwierig für die Anklage, weil es geschriebene Befehle für die Verbrechen in Bosnien, Kroatien und Kosovo oft nicht gibt oder sie gleich wieder vernichtet wurden. Und natürlich gilt auch für einen Dämon wie Milosevic: Er ist unschuldig, solange bis das Gegenteil bewiesen ist. Das Jugoslawien-Tribunal ist das größte und bedeutendste seit den Nürnberger Prozessen gegen die Nazis. Es verfügt auf Seiten der Anklage über leidenschaftliche Profis. Sie werden alles daran setzen, die Befehlsgewalt und die Verantwortlichkeit Milosevic' zu beweisen. Alles wird davon abhängen, ob ehemalige serbische Top-Leute wirklich als Kronzeugen der Anklage auspacken werden oder nicht. Ebenso entscheidend wird es sein, ob Milosevic in einer transparenten und fairen Weise behandelt wird, um den Geruch der Siegerjustiz zu vermeiden und um eine echte Warnung auszusprechen an alle Kriegstreiber und Terror-Fürsten unserer Zeit: seht her, auch Milosevic wähnte sich unverwundbar und groß und nun sitzt er vor diesem Tribunal und wird verurteilt. Weil es um eine saubere Beweisführung geht, arbeitet die Anklage in zwei Richtungen. Zum einen will sie beweisen, dass Milosevic in den 90ern „de jure" rechtliche Verantwortung hatte als Jugoslawiens Präsident und Oberbefehlshaber der Armee. Und zweitens will man sie zeigen, dass er „de facto" ganz praktisch die oberste Befehlsgewalt hatte. Milosevic selbst behauptet, er habe ein reines Gewissen und sei nur gegen „Terroristen" im eigenen Land vorgegangen. Doch der unverschämte Versuch, aus dem 11. September politischen Profit zu ziehen, wird ihm nicht gelingen. In etwas mehr als einem Jahr wird also das Urteil gesprochen werden, vielleicht auch erst in zwei Jahren. Man wird sich Zeit lassen in Den Haag, wird alles gründlich abwägen bei diesem wichtigen Fall. Die Zeit arbeitet nicht für Milosevic, sondern gegen ihn. So kann aus dem Testfall für die Internationale Gerichtsbarkeit eigentlich nur ein Glücksfall werden. -------------------------- Milosevic-12-2-kommentar www.newsmill.net