Die Stahlmagnolie und der Märtyrer Beim UNO-Tribunal in Den Haag beginnt nächste Woche (12.2.) ein historischer Prozess wegen Kriegsverbrechen in Kosovo, Kroatien und Bosnien-Herzegowina - Slobodan Milosevic droht mehrfach Lebenslänglich - Das Verfahren wird Jahre dauern - Der ehemalige Präsident: „Alles Lügen!" Von Claudia Diers-Lienke Den Haag.- «Völlig konstruiert» seien die Vorwürfe gegen ihn, sagt der Mann im dunkelblauen Anzug. Das wiederholt er seit letzten Sommer, seitdem er für ihn „unbegreiflicherweise" aus Serbien ausgeliefert wurde an das Kriegsverbrechertribunal der Vereinten Nationen im niederländischen Den Haag. Sechs Vor-Verhandlungen haben seitdem stattgefunden; nächste Woche Dienstag (12.2.) beginnt der Prozess gegen Slobodan Milosevic. Der 61jährige glaubt, dass er „eigentlich den Friedensnobelpreis verdient habe". Wenn er das zum x- ten Mal vor dem Tribunal wiederholt, dreht man ihm das Mikrofon ab. Denn er soll etwas zu Sache sagen. Und das tut er nicht. Seit Ende Juni sitzt er im holländischen Scheveningen in einer Einzelzelle und versteht die Welt nicht mehr. In Serbien war er einst der Präsident, träumte den großserbischen Traum und versuchte, ihn mit aller Gewalt umzusetzen. Doch dann, so seine Sichtweise, wurde er „gekidnappt" durch das UNO-Tribunal. Der Milosevic-Prozess wird der größte internationale Prozess seit dem Ende der Nürnberger Prozesse sein. Schon jetzt wird das Tribunal in seinem Umfang mit dem Nürnberger Tribunal verglichen, das am Ende des Zweiten Weltkriegs über die Nazis zu richten hatte. Die Anklage wird 90 Zeugen präsentieren, darunter rund 30 politische Insider, die Interessantes über Milosevic auspacken könnten. Chefanklägerin Carla del Ponte aus der Schweiz trägt wegen ihrer Entschlossenheit den Spitznamen „Stahlmagnolie". Selbstbewusst kündigt kündigte sie Zeugenaussagen von Überlebenden des Kosovo-Konflikts an, ebenso wie die Ergebnisse von Wissenschaftlern, die die sterblichen Überreste von Tausenden Opfern exhumiert haben. Del Ponte setzte auch durch, dass die Verfahren wegen Kosovo, Kroatien und Bosnien zusammengelegt werden. Sie will „vor allem Gerechtigkeit . Es ist deshalb sehr wichtig für die Opfer, dass alles in einem einzigen Verfahren behandelt wird." Milosevic dagegen sieht sich als Märtyrer für die serbische Sache: „Indem sie drei Lügen addieren über Kosovo, Kroatien und Bosnien, wird die ganze Geschichte nicht wahrer" polterte er bei der letzten Vorverhandlung im Januar, „sie machen die Lüge stets nur noch größer". Die Anklageschriften auf Englisch und Serbokroatisch listen insgesamt 66 Verbrechen gegen die Menschlichkeit, Kriegsverbrechen und Völkermord auf. Doch die Dokumente liegen unberührt in Milosevic' Zelle. Man musste sie ihm vorlesen, in den tagelangen Vorverhandlungen während der vergangenen Monate. Denn der Angeklagte liest sie nicht Der Serbe hat sich bisher auch geweigert, sich „schuldig" oder „nicht schuldig" zu bekennen, sondern versuchte mehrfach, die Legitimation des Tribunals anzufechten. Das Tribunal erkannte das als Plädoyer für „nicht schuldig" und setzte das Vorverfahren fort. Was seit letzten April noch geschah? Das Gericht wies ihm drei „amici curiae" zu, sogenannte Gerichtshelfer, die vermitteln sollten zwischen dem Angeklagten und dem Gericht, damit das Verfahren geordnet ablaufen kann. Die „amici curiae" haben das Recht, Zeugen ins Kreuzverhör zu nehmen und auf Beweismaterial aufmerksam zu machen, das zu Milosevic' Entlastung beitragen könnte. Doch Milosevic weigerte sich bisher, seine „amici zu treffen": Steven Kay aus England, Mischa Wladimiroff aus Holland und Branlislav Tapuskovic aus Serbien. Einen eigenen Anwalt hat der ehemalige Präsident bisher nicht benannt und auf Fragen antwortet er grundsätzlich nicht, sondern hält lieber politische Reden über die „Verbrecher in der NATO". Fest steht: Es wird ein mühsamer Prozess. Letzte Woche noch beantragte Milosevic vorläufige Freilassung - ohne Erfolg. Häftling Nummer 39 im Kriegsverbrechergefängnis sitzt also weiter ohne legale Verteidigung in Den Haag. Doch so oder so gilt es als ziemlich sicher, dass er am Ende des Prozesses "schuldig" gesprochen wird. Man rechnet damit, dass der Prozess sich über ein bis zwei Jahre hinzieht. Die Anklage wirft ihm vor, dass er der führende Kopf eines „kriminellen Unternehmens war, verantwortlich für die Tötung und Vertreibung von Nicht-Serben aus Kosovo, Kroatien und Bosnien". Das alles sei dem Plan gefolgt, einen ethnisch „reinen, großserbischen Staat" zu etablieren. Der Prozess beginnt mit der Anklage zum Kosovo. Dort werden dem früheren Präsident schwere Menschenrechtsverletzungen in 1999 vorgeworfen. So sollen er und vier seiner Top-Leute Massaker an 500 namentlich bekannten Albanern in Dörfern wie Racak und Izbiza angeordnet haben. Den Angeklagten wird auch vorgeworfen, 740 000 ethnische Albaner aus dem Kosovo deportiert zu haben, nahezu ein Drittel der albanischen Bevölkerung im Kosovo. Eine erweiterte Anklageschrift nennt auch noch Massengräber, die letztes Jahr in der Nähe von Belgrad gefunden wurden. Milosevic steht zudem vor Gericht in Verband mit dem Bosnienkrieg 1992-1995 und es gibt weitere Vorwürfe in Zusammenhang mit dem Krieg von 1991 - 1995 in Kroatien. Seit kurzem gelten auch systematische Massenvergewaltigungen und andere Formen systematischer sexueller Gewalt zur Kategorie der Kriegsverbrechen, und sind im Strafmaß gleich an zweiter Stelle hinter Völkermord angesiedelt. Massenvergewaltigungen werden in den Anklageschriften genannt. Wie hoch wird die Strafe für Milosevic ausfallen? Mehrfach lebenslänglich, so sagen Völkerrechtsexperten. Selbst wenn es nicht möglich sein dürfte, ihm nachzuweisen, dass er irgendjemanden persönlich erschossen hat, so erlaubt es das Statut des Internationalen Kriegsverbrechertribunals doch, Staatschefs für Taten, die unter ihrem Kommando geschahen, zur Verantwortung zu ziehen. Diese sogenannte „command responsibility", unter anderem als oberster Kommandeur der serbischen Armee, gilt als sicher nachgewiesen. Wie Milosevic sich auf das Verfahren vorbereitet, ist ziemlich unklar. Da er sich offenbar selbst verteidigen will, aber sich nicht in die Inhalte vertieft, wird der Prozess sicher einige Überraschungen bieten. Vorerst jedenfalls bleibt er in einer Einzelzelle im Scheveninger Gefängnis. Er wird 24 Stunden am Tag überwacht, um sicher zu gehen, dass er nicht versucht, sich das Leben zu nehmen - wie es beide seine Eltern gemacht haben. Milosevic hat mehrfach beklagt, dass das Tribunal seine Rechte verletze, weil Familienbesuche überwacht würden und er nicht mit den Medien telefonieren dürfe. Fast vergessen ist inzwischen, dass gemeinsam mit Milosevic auch seine ehemaligen bosno- serbischen Mitstreiter Radovan Karadzic und Ratko Mladic mit internationalem Haftbefehl gesucht werden. Wo stecken die beiden? Angeblich verstecken sie sich im von französischen Blauhelmen überwachten Sektor von Bosnien-Herzegowina und umgeben sich mit scharf bewaffneten Wachen. Noch fehlt es offenbar am politischen Willen, die beiden auch noch auszuliefern, angeblich befürchtet man eine weitere „Destabilisierung" des Balkans. --------------------------------------- Milosevic-zum-12.2. www.newsmill.net auch zu diesem Thema heute geliefert: Das UNO-Tribunal: Zahlen und Fakten (Info-Kasten)