Lang lebe Dr. Longlife Wollen Sie genau wissen, wie alt Sie wohl werden? - Auf der website einer seriösen medizinischen Zeitschrift rechnet der Cyber-Doktor die Restlebenszeit aus Von Claudia Diers-Lienke Bis jetzt war das Leben für Stefan P. schön, fast endlos, und die Welt stand ihm offen. dachte er. Wie viel Zeit einem Menschen bleibt, weiß sowieso keiner. meinte er. Bis gestern. Doch dann kam Doktor LongLife. denn wir leben inzwischen im dritten Jahrtausend, und es geht nicht an, das man nicht weiß oder nicht wissen will, wie viele Jahre einem noch bleiben. Bisher interessierte das nur Stefans Lebensversicherung. dann beging er den Fehler. Er las irgendwo, dass Moorhuhnjagd am PC längst nicht mehr der ultimative Thrill für Büromenschen sei. Der Mega-Trend heiße nun Dr. LongLife auf der Internet-Seite der hochseriösen medizinischen Fachzeitschrift „medical tribune" (www.medicaltribune.de). Der elektronische Doktor beantwortet die bange Frage „Wie alt werde ich?". Das alles basiere auf streng wissenschaftlichen Daten, Erhebungen des Robert-Koch-Instituts, des Instituts für Therapieforschung und anderer, heißt es auf der website. Gestern also war Stefan noch unschuldig und sorgenfrei. Jetzt weiß er etwas und dieses Wissen quält. Es ging erst ganz einfach. Auf einem Online-Fragebogen ist einzutragen, wie alt man ist und wie viel man wiegt, auch, dass man Nikotin noch nie zu sich genommen hat und das Wort Alkohol nicht buchstabieren kann. Dann noch ein bisschen Mogeln beim Gewicht, den optimalen Familienstand (glücklich verheiratet) eingeben, und schon wusste Stefan, dass er 86,7 Jahre alt wird. Dr. LongLife hatte gar nicht gemerkt, dass Stefan ihn angeschummelt hatte. Das mit dem arg reduzierten Sportprogramm ging ihn ja nun wirklich nichts an, oder? Und zu wenig Gemüse und so. Doch dann ritt Stefan der Teufel. Er wollte sie doch noch wissen, die ganze Wahrheit. Herzklopfen. Neue Eingabe. Diesmal kam der gute Cabernet Sauvignon aus Südafrika alle paar tage vor und die Waage log nicht. Gott sei Dank lebt Stefan nicht in den Neuen Bundesländern (schlechte Karten) und ist weder arbeitslos noch verwitwet (sehr, sehr schlechte Karten). Trotzdem. Ehrlich gerechnet waren es, erzählt Stefan, schockierende knapp vier Jahre weniger; genauer: 3,9. Denn Doktor Long Life kann die Sache auf eine Stelle hinter dem Komma ausrechnen. Aber niemand fragt nach weiteren Daten, die die Sache vielleicht doch noch ein bisschen verbessern könnten. Puls, Konfession, Lieblingsfarbe, uralte Großmutter und so scheinen statistisch irrelevant zu sein. Ebenso wie die Anzahl guter Taten im leben. Dr. LongLife bietet Stefan statt dessen gnadenlos links zu Sport-websites an, zu Diät, Kasteiung. Also beißt die Maus keinen Faden ab: Ihm bleiben noch 48 Jahre. Bis gestern also war das Leben endlos. dann stellte sich zwischen Himmel und Erde, sprich: Stefan, Dr. LongLife. Der deutschen Gesundheitspolitik und den Leuten, die zu fett essen und sich nie bewegen, mag er ja Verstand einflößen. Aber glauben wir ihm, Stefan und die anderen, diesem Kauz mit roten Socken und langem Bart? Er ist O.K. für alle, die nicht länger über den ungefähren Altersschätzungen im Buch der Bücher brüten wollen. Kalkulatorische Schlampigkeiten wie in Psalm 90,10 gehen hier nicht: „Unser Leben währet siebenzig Jahr und wenn es hoch kommt achtzig". Es sind noch 48 für Stefan. Und jetzt? Heute wurde Stefan. in einem Buchladen gesichtet. Er blätterte intensiv in Ratgebern über Zeitmanagement. ------------------ LongLife.doc november 2001-11-05 claudia@lienke.net