Der Rattenfänger von Rotterdam Wie Pim Fortuyn die traditionellen Parteien in Holland das Fürchten lehrt - „Grenzen dicht, Islamisten raus, Diskriminierung erlauben"- Großer Erfolg der Partei „Leefbaar Rotterdam"bei Kommunalwahlen gibt zu denken für die Parlamentswahlen im Mai Von Claudia Diers-Lienke Rotterdam.- „Leefbaar Rotterdam" nennt sich seine Partei, oder besser, sein Club von politischen Abenteurern: „Rotterdam mit Lebensqualität". Vor drei Monaten kannte sie noch kein Mensch, jetzt gewann der redegewandte Soziologe Pim Fortuyn damit die Gemeinderatsmehrheit in Rotterdam, Holland s zweitgrößter Stadt. Damit lehrte er die großen Parteien das Fürchten, allen voran die Sozialdemokraten von der PvDA und die zwei liberalen Parteien VVD und D 66. Denn im Mai sind Parlamentswahlen in den Niederlanden. Und da bangt die lila Koalition (sozial-liberal) um ihr Bestehen, auch weil das populäre Zugpferd, der heutige Premier Wim Kok, dann nicht mehr antritt. Wer ist dieser Pim Fortuyn? Er ist Hollands Variante von Frankreichs Le Pen, oder so etwas wie Hollands Jörg Haider. Populistisch eben. Praktische Politik-Erfahrung hat er nicht - aber nun muss er sich in Rotterdam beweisen. Erst Ende Januar spaltete sich Fortuyn von der landesweiten Partei „Leefbar Nederland" ab, weil sie ihm nicht radikal genug war. Fortuyn hatte in einem Interview gesagt, dass er den Vertrag von Schengen über den Wegfall der Grenzkontrollen in Europa abschaffen würde. Zweitens würde er den Teil im Grundgesetzartikel I in Holland ersatzlos streichen, der Diskriminierung verbietet. Und drittens ließe er keine neuen Asylbewerber mehr ins Land. In der calvinistischen Handelsnation Niederlande hatten die Rechten bisher nicht viel Chancen. Das wurde erst anders mit Fortuyn, der zu Studentenzeiten noch glühender Kommunist war. All das wäre nicht weiter der Rede wert, wenn der 53 Jahre alte Politiker damit nicht so viel überraschenden Erfolg hätte. In den anderen großen Städten der Niederlande allerdings brachte die „Leefbaar"-Bewegung es nicht so weit: Amsterdam widerstand der Versuchung ebenso wie Den Haag. Analysen besagen, dass Fortuyns Wähler vor allem aus benachteiligten Schichten stammen. 63 Prozent sind Männer, die meisten mit niedrigem Bildungsstand, viele sind sehr jung (unter 30) und sehen die Kriminalität und den Ausländeranteil in der Multikulti-Metropole Rotterdam als ein Problem. Der ehemalige Chef der konservativen Liberalen Hollands, Bolkestein, sah es gestern ganz lakonisch: „Fortuyn muss man nicht ernst nehmen. Man muss aber die Wähler und ihre Probleme ernst nehmen." Da kommt einiges an Arbeit zu auf das zweite Kabinett Kok, das bei den Parlamentswahlen im Mai auf dem Prüfstand steht. Leefbaar Nederland-Parteivorsitzender Fred Nagel möchte nur zu gerne nach den Wahlen in einem Trio zusammen mit den Christdemokraten und den Sozialdemokraten oder mit Christdemokraten und Liberalkonservativen eine Regierung bilden. Doch die theoretisch möglichen Koalitionspartner fassen „Leefbar"-Politiker nur mit der Kneifzange an. Denn oft glänzen die durch pure Unkenntnis. So verkündete Fortuyn, er wolle „alle Antillaner wieder nach Hause schicken, weil sie illegal in Holland sind". Geht aber gar nicht. Denn Antillaner haben das Recht, nach Niederlande umzuziehen, als Teil des Königsreichs. Auch gegen den Islam polterte der Rattenfänger von Rotterdam. Fortuyn fühle sich „durch die Islamisierung der Niederlande" bedroht. Der Islam, so betonte er, sei eine „rückständige Kultur", die Homosexuelle „niedriger als Schweine" einstufe. Offenbar spekulierte Fortuyn damit auch auf Wählerschichten aus der starken niederländischen Schwulenbewegung. Dass gleichzeitig den Anti- Diskriminierungs-Artikel aus dem Grundgesetz streichen wollte, um gegen Islamisten vorgehen zu können, könnte allerdings auch die Homos treffen. So weit dachte er offenbar nicht. ------------------------------ Fortuyn-7.3.02.doc www.newsmill.net Claudia Diers-Lienke, Niederlande Tel von D : 00 31 10 475 37 51