Mut zum Matsch Der Fluss darf gerne überschwemmen - Wasserwirtschaft in den Niederlanden wird modern: Im 21. Jahrhundert zwingt man nicht mehr alles in Kanäle Von Claudia Diers-Lienke Den Bosch.- Graubraun schwappt das Wasser des Flusses Aa über den ehemaligen Maisacker. Am ausgefressenen Ufer strecken Pionierpflanzen ihre Köpfe aus dem Boden. Ein bisschen weiter weg macht die Aa noch größere Schwünge durch ein nasses Waldgebiet mit Weiden, Birken, Pappeln und Eichen. Stille herrscht in dem Stückchen Urwald östlich des Ortes Someren-Eind beim niederländischen Den Bosch. Es ist Überschwemmungsgebiet - und das ist gewollt. Statt wie früher Wasser zurückzudrängen oder in Kanäle zu pumpen, schaffen die Niederlande nun solche Gebiete. 52 Hektar groß ist dieses. Das Wasser, das hier hin strömt, soll anderswo wegbleiben, genauer: Sechzig Kilometer weiter südlich, an der Autobahn A 2 bei Den Bosch will man es nicht. Immer wieder gab es Überschwemmungen der Autobahn, die schwerste 1995. Deshalb darf es bei Someren-Eind nun richtig schön matschig sein. "Wir probieren, den Abfluss zu verlangsamen, das Wasser lange hier zu halten", sagt Wassergraf Anton Seegers. Das Starkriet, wie das Überschwemmungsgebiet heißt, ist Musterbeispiel der Wasserpolitik des 21. Jahrunderts. Festhalten, auffangen und wegleiten lautet die Drei-Schritte-Strategie. Die meisten Holländer denken bei der neuen Wasserpolitik vor allem an mehr Raum für die großen Flüsse wie Maas und Waal. Aber die kleinen Flüsse bieten ebenso viel Überschwemmungsgefahr. Daher gestaltet man bewusst Entlastungsgebiete wie das an der Aa. Das Gebiet ist umringt durch einen Erddeich, damit das Wasser nicht die Äcker darum herum überströmt. Innerhalb des Deiches aber darf die Aa mäandern wie sie will. Eigentlich ist es paradox : Künstlich angelegter Morast auf hohem Sandboden. Aber ohne Pumpen und Deiche im Überströmungsgebiet würde das Wasser sofort nach Den Bosch laufen, das 30 Meter tiefer liegt. Über ein Drittel der Niederlande liegen schließlich unterhalb des Meeresspiegels. Die Füße bleiben nur durch massiven Wasserbau trocken: Elektro- Pumpen und Windmühlen transportieren das Wasser in Kanäle, Deiche und Flutwehre halten Meerwasser ab. Aber Holland konnte nicht einfach weiter machen mit dem ständigen Erhöhen von Deichen und dem stärkeren Pumpen.. 1998 begann man sich Gedanken zu machen über künftige Klimaveränderungen und mögliche Überschwemmungen. Das Wasser fordert seinen Platz und es sollte ihn bekommen. Ganz unnatürlich musste man vorgehen, um der Natur wieder ihr Recht zu geben. In Starkriet mussten Bagger die oberste feste Erdschicht abgraben und dem Fluss einen mäandernden Lauf andeuten. Dem Morast wurde ein bisschen auf die Sprünge geholfen. Frösche fanden das sehr schnell prima. Und auch Wasserlilie und Dotterblume schätzen den neuen holländischen Mut zum Matsch. ------------------------------------ Fluss.doc www.newsmill.net Dezember 2001