Euro-Glosse Urlaub im eigenen Land Von Claudia Diers-Lienke Ich hab' nichts mehr und bei denen ist das Wechselgeld auch alle. Aber alle lächeln. Die Stimmung in der Bäckerei steigt noch, als ein paar neue Kunden dazukommen und die Schlange verlängern. Das Geraschel und Gemurmel ist gespannt, fast als würde sich gleich der Vorhang zu einem großen Ereignis heben. Die Leute reden wieder miteinender, starren nicht nur geradeaus. Sie tauschen Euro- Erfahrungen aus und plaudern über verwandte Themen wie Winter und Kreditzinsen. Denn an der Reihe ist man noch lange nicht und dann kann man ja auch ein bisschen was davon haben. Die Geduld ist zurück gekehrt. Keiner meckert. Der Supermarkt steht voller Pioniere. Dass sie das noch in sich hatten: Gespannt warten auf so etwas profanes wie eine Kasse und dabei geheimnisvoll lächeln. Im Cafe „Oud Holland" braucht der Ober zwanzig Minuten, um zwei Tassen Cappuccino abzurechnen. Die anderen Gäste warten geduldig länger als die normalen 15 Minuten auf ihr Getränk und suchen dabei ebenso selbstlos wie ergebnislos mit nach einem Taschenrechner. Euroland hat Urlaub. Im eigenen Land. Es fühlt sich an wie im Ausland, wie in Ferien, und die Wintersonne strahlt den ganzen Tag. Beim Bäcker kommt endlich ein Kunde mit Münzen an. Herzliche Begrüßung, er legt seinen Besitz freigiebig auf die Ladentheke und gibt Münzen ab an eine Frau, die schon seit Stunden zu Hause sein müsste. Wer Münzen hat, bekommt enge Kontakte. Ganz schnell fingerten Wildfremde in Geldbeuteln anderer Menschen herum und umgekehrt. Daraus entwickeln sich Freundschaften. Zwei laufen Arm in Arm aus dem Bäckerladen. Euro ist Liebe, Wim Duizenberg! Es gibt keine Gier mehr, die Euroländler werden massenweise ganz glücklich und ganz einfach. Und als der Blumenhändler seinen ganzen Topf mit Kleingeld ausschütten will, sagen wir lässig: „Stimmt so." -------------------------------- Euro-Glosse www.newsmill.net Januar 2002